München – Günstiges Erdgas als Treibstoff der bayerischen Industrie ist spätestens seit dem Überfall auf die Ukraine Geschichte – und der Standort damit enorm unter Druck. Die Hoffnung für die Zukunft liegt jetzt auf Flüssiggas aus den USA und Wasserstoff aus Afrika. Doch Detlef Fischer, Chef des Verbandes der bayerischen Energieversorger, warnt: Wir dürfen uns nicht wieder von Importen abhängig machen.
Herr Fischer, Bayern ist ein Standort mit viel Industrie. Treffen uns die hohen Energiepreise besonders hart?
Grundsätzlich haben wir dasselbe Preisniveau wie der Rest Deutschlands oder Europas. Kritisch wird es, wenn es im Winter zu einer Gasknappheit kommt. Dann muss das verbleibende Gas von der Bundesnetzagentur bestmöglich verteilt werden. Süddeutschland mit seiner Industrie, bei uns etwa das Chemie-Dreieck bei Burghausen, könnte dann erheblich in seiner Wirtschaftskraft eingeschränkt sein.
Sowohl der Krieg, als auch die Corona-bedingten Probleme werden hoffentlich zeitnah überwunden. Kehren die Energiepreise dann auf das gewohnte Niveau zurück?
Davon gehen wir nicht aus. Sie werden wahrscheinlich sinken, aber die Zeiten von billiger Energie sind vorbei. Das ist besonders für Verbraucher ärgerlich, weil die Kosten an sie durchgereicht werden und sie damit zukünftig einen höheren Teil ihres verfügbaren Einkommens dafür opfern müssen. Für die Industrie ist das erst mal gar nicht so schlimm, solange die Konkurrenz im Ausland Energie nicht zu günstigeren Konditionen bekommt. Man muss bedenken: Öl und Flüssiggas werden global per Schiff gehandelt. Wenn die Preise für alle nachfragenden Industrieländer hoch sind, müssen alle Produzenten sie in gleichem Maße einpreisen. Dann entsteht auch kein Wettbewerbsgefälle.
Aus der Reihe fällt aber Pipelinegas, weil es hier naturgemäß keinen Markt gibt. Deutschland hat lange von den russischen Leitungen profitiert. Was verändert der Krieg?
Russland will verstärkt Gas nach Asien liefern, wo es eine riesige Nachfrage gibt. Der Vorteil der günstigen Energie könnte, sobald die Pipelines gebaut sind, also bei China liegen. Deshalb müssen wir so viel Erneuerbare Energien so günstig wie möglich erzeugen, um unabhängiger zu sein. Denn bei Importen jeder Art gilt: Die Tankschiffe fahren dorthin und die Pipelines werden dorthin gelegt, wo am meisten bezahlt wird. Wir sollten bei der Energiewende nicht schon wieder den Fehler machen, uns auf nur wenige Lieferanten zu verlassen.
Können wir unsere Energie selbst produzieren?
Sicher nicht komplett, einen Teil werden wir zum Beispiel in Form von grünem Wasserstoff wohl immer importieren müssen. Den Großteil sollten wir aber möglichst kostengünstig selbst herstellen, auch um unseren Industriestandort vor Erpressungen abzusichern.
Saudi-Arabien, Afrika, Schottland – überall soll in großem Maßstab grüner Wasserstoff erzeugt werden. Den können wir doch kaufen.
Ich denke nicht, dass die Erzeuger uns diesen Wasserstoff so schnell so günstig verkaufen, wie wir das gerne hätten. Sie werden ihn erst mal für sich selbst nutzen – und dann nur die Überschüsse an den Meistbietenden verkaufen. Denn am Ende muss doch die ganze Welt klimaneutral sein und braucht dafür grünen Wasserstoff. Also wird sich über kurz oder lang dieselbe Situation ergeben, wie wir sie jetzt beim Flüssiggas haben. Und für die Industrie ist es sinnvoll, da hinzugehen, wo günstige Energie in großen Mengen verfügbar ist. Das heißt: Schaffen wir es nicht, genug Energie in Bayern bereitzustellen, ist unser Industriestandort und damit unser Wohlstand erheblich in Gefahr. Tendenzen dazu sehen wir bereits heute.
Welche Kapazitäten brauchen wir?
Wir brauchen in Bayern rund fünfmal mehr Photovoltaik-Leistung, also insgesamt rund 80 Gigawatt und etwa 2000 zusätzliche Windräder der Fünf-Megawatt-Klasse. Damit könnten wir dann im Jahressaldo einen Großteil unseres Strombedarfs decken. Daneben brauchen wir so viel wetter- und jahreszeitunabhängige Energiequellen – also Biomasse, Geothermie und Wasserkraft – wie möglich. Netze ausbauen und speichern müssen wir auch im großen Stil. Dazu müssen wir auch erheblich Energie sparen.
Wir sprechen von Milliardeninvestitionen – wie rentabel sind die Erneuerbaren?
Das kommt auf die Bedingungen an. Vor ein, zwei Jahren mussten die Anlagen noch über die EEG-Umlage getragen werden. Wegen der hohen Energiepreise ist aber fast jede Anlage aus sich heraus ohne Förderung rentabel. Das ist im Grunde sehr begrüßenswert. Als Beispiel: Hat ein Landwirt eine abbezahlte 100-Kilowatt-Photovoltaikanlage auf dem Dach, verdient er an einem sonnigen Tag rund 100 Euro damit. Deswegen steigen gerade vom Hauseigentümer über Bürgergenossenschaften bis hin zu den Energieversorgern viele Akteure ein. Die Investoren stehen Schlange – es fehlt eher am Material und Personal.
Blickt man auf die Marktpreise, fällt auf, dass Strom an sonnigen und windigen Tagen wegen des großen Angebots sehr günstig ist.
Wegen der wachsenden Leistung am Netz steigen die Stromüberschüsse an den genannten Tagen. Gleichzeitig sind wir in der sogenannten Dunkelflaute weiterhin stark auf fossile Energieträger angewiesen. Das heißt, wir haben an manchen Tagen zu viel Strom und an manchen zu wenig. Deshalb muss sich jetzt ein Speichermarkt entwickeln – sonst hilft uns der gesamte Ausbau von den Erneuerbaren Energien gar nichts.
Wie wird der Speichermarkt aussehen?
Man muss zwischen Langfrist- und Kurzfristspeichern unterscheiden. Um Schwankungen zwischen Tag und Nacht auszugleichen sind Batteriespeicher gut geeignet. Die sind auch für private Haushalte sinnvoll, etwa um die eigene Photovoltaik-Strommenge abzupuffern. Langfristig, also für den Unterschied zwischen Sommer und Winter, bietet sich Wasserstoff an. Der wird wahrscheinlich von Energieversorgern in Elektrolyseuren mit großer Leistung produziert werden.
Gerade in Bayern ist der Widerstand gegen Windkraft vielerorts groß. Ist das noch zeitgemäß?
Es geht ja nicht mehr darum, ob ein Windrad schön ist oder nicht. Es geht um die Frage: Haben wir genug Energie oder nicht? Wir importieren derzeit 70 Prozent unserer Energie aus anderen Ländern – und haben damit auch die Verantwortung für die Gewinnung an teils fragwürdige Staaten abgeschoben. Eigentlich gab es in den letzten Jahren gar keine bayerische Energiepolitik, man hat sich auf den Bund verlassen und sich selbst mit ein paar Energiegipfeln begnügt, bei denen Bürgerinitiativen, die gegen irgendetwas waren, das Wort führten. Das war die sogenannte Koalition mit dem Bürger. Ein Schuss in den Ofen! Russland liefert kaum noch Gas – und Amerika und Katar nur zu den hohen Preisen, die die Bürger und Unternehmen jetzt bald auf ihren Strom- und Gasrechnungen sehen. Dass wir jetzt so hohe Preise haben, liegt maßgeblich daran, wie die Energiewende blockiert wurde. Wir können nicht für jede Photovoltaikanlage, für jedes Windrad und für jede Stromleitung jahrelang einen Glaubenskrieg in jeder Ortschaft führen. Die Bayerische Staatsregierung soll jetzt nicht laufend auf den Habeck schimpfen, er hat jetzt die Suppe auszulöffeln die ihm andere eingebrockt haben und das macht er gar nicht so schlecht.
Wird die Energie irgendwann wieder günstig?
Die Zeiten des sorgenlosen Umgangs mit Energie sind meiner Meinung nach vorbei. Es muss ja auch wirklich niemand für ein Wochenende nach Mallorca fliegen. Es wird in Zukunft vor allem ein volatilerer Markt entstehen. An sonnigen Sommertagen wird der Strom sehr günstig sein, im Winter in der Dunkelflaute eben teurer. Daraus werden verschiedene Angebote für die Kunden entstehen: Manche Versorger werden über das Jahr einen Einheitspreis anbieten, andere werden es ermöglichen, die Energie nur dann zu verbrauchen, wenn sie günstig ist. Mit zunehmend intelligenten Netzen wird es zum Beispiel möglich sein, das Elektroauto mit zeitvariablen Tarifen dann zu laden, wenn die Sonne scheint.
Müssen auch die Verbraucher umdenken?
Ja, Energie ist ja ein Markt wie jeder andere auch – und hohe Preise sollten eigentlich die Nachfrage senken und den Ausbau der Erzeugung anreizen. Schlaue Menschen kaufen ja auch einen Kasten Bier, wenn er im Angebot ist und nicht, wenn die Preise frisch erhöht wurden. Er hält sich ja ein paar Monate. Nur Alkoholabhängige müssen zu jedem Preis kaufen. So geht es uns jetzt leider auch beim Erdgas und beim Öl aus Russland. Da hilft jetzt nur der Entzug – auch wenn es wehtut.
Interview: Matthias Schneider