München – Wenn Klaus Müller (Name geändert) an Green City denkt, könnte er sich vor Wut und Verzweiflung die Haare raufen. Das Münchner Unternehmen wollte mit Ökostrom die Welt verbessern und hat sich von Anlegern dafür rund 250 Millionen Euro geliehen. Müller gewährte der AG im Jahr 2018 ein Privatdarlehen, hart ersparte 20 000 Euro. Im Herbst 2021 bekam er ein Angebot, das dem Münchner Merkur vorliegt: Er solle das Darlehen in eine Anleihe tauschen, das sei praktischer. Dafür müsse er nur die Anleihe zeichnen und bekomme dann das Geld aus dem Darlehen zum Jahresende zurück.
Müller tat das, streckte im Oktober das Geld für die Anleihe vor – und erlebte eine bitterböse Überraschung: Die Rückzahlung des Darlehens blieb aus und die AG meldete im Januar Insolvenz an. Statt um 20 000 bangt Müller nun um 40 000 Euro. „Ich fühle mich betrogen“, schimpft er. „Als ich das Geld überwiesen habe, muss der AG doch schon klar gewesen sein, dass eine Insolvenz droht.“
Der Fall von Klaus Müller ist einer der kuriosesten Vorgänge im Rahmen der Pleite der Green City AG, die 2017 noch den Europäischen Solarpreis und 2018 den Mobilitätspreis der Metropolregion München erhalten hatte. Der Entwickler für Solar-, Wind- und Wasserkraftanlagen ging aus einem gemeinnützigen Münchner Verein für Stadtentwicklung hervor, dem Green City e. V. Noch heute besitzt er die Hälfte der Anteile an der AG. Im Lauf der Zeit startete die Firma immer mehr Projekte und wucherte zu einem Geflecht aus rund 150 Tochterfirmen. Doch 2021 wurden die Probleme zu groß. Viele geplante Wind- und Solarparkprojekte kamen einfach nicht voran, hinzu kamen Lieferengpässe bei wichtigen Bauteilen. Auch Pech hatte Green City. Beispiel Windpark Fuchsstadt in Franken: Hier sollte der Hersteller Senvion die Windräder liefern, er ging aber Pleite. Green City schwenkte auf Nordex um, kurz darauf jedoch fiel ein Exemplar jenes Nordex-Modells, das in Fuchsstadt gebaut werden sollte um. Jetzt wurden die halb fertigen Windrad-Stümpfe in Fuchsstadt gesprengt.
Bei der Insolvenz steht sehr viel Kapital auf dem Spiel. Vor allem über Tochterfirmen hat die Green City AG rund eine Viertelmilliarde Euro eingesammelt, meist von Privatanlegern, die mit ihrem Geld auch etwas Gutes tun wollten. Viele dürften aus Bayern und der Region München stammen, wo Green City am bekanntesten war. Nun ist unklar, wie viel Geld weg ist. Zumal der Vorwurf im Raum steht, dass 27 Millionen Euro an Investorengeldern nicht ordnungsgemäß verwendet wurden.
Selbst hartgesottene Finanzprofis stehen etwas ratlos vor dem verworrenen Fall. Green City sei kein klassischer Betrug, beteuern viele Beobachter. Ziel sei nie gewesen, Anleger über den Tisch zu ziehen, um sich selbst zu bereichern. Trotzdem ist vieles an Green City seltsam. Privatdarlehen seien ein sehr unübliches Finanzierungsinstrument für eine AG, das Unternehmen sei außerdem viel zu komplex für diese Firmengröße aufgebaut, erklärt Daniel Bauer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), die viele Gläubiger im Prozess vertritt. „Innerhalb des Firmengeflechts ist Kapital hin- und hergeschoben oder einfach neu eingesammelt worden, um Finanzlöcher zu stopfen“, staunt Bauer. „Der Aufsichtsrat hat völlig versagt, das chaotische Geschäftsgebaren unter Kontrolle zu bekommen“, wirft er der Green City vor.
Eine erste Bilanz des Desasters zieht Insolvenzverwalter Axel Bierbach am Mittwoch. In der Münchner Reithalle wird er gegen Mittag bei einer Gläubigerversammlung Anhaltspunkte geben, wie viel Geld die Anleihegläubiger in etwa zurückbekommen werden. Was die AG betrifft, dürfte das Ergebnis besser sein als befürchtet: Sie wurde zu einem guten Preis an die französische Firma Qair veräußert, welche die Geschäfte fortführt. Trotzdem ist das nur ein kleiner Ausschnitt. Der Löwenanteil der Gläubigergelder mit über 200 Millionen Euro wurde von Töchtern der AG aufgenommen, die Kraftwerks-park II und III sowie Solarimpuls I heißen. Das gesonderte Insolvenzverfahren gegen sie sollte im Juli eröffnet werden, laut Insolvenzverwalter Bierbach dürfte sich der Start aber noch verzögern. Die AG als Mutter sammelte über Anleihen dagegen grob geschätzt nur 20 Millionen Euro ein, dazu kommen rund eine Million an Privatdarlehen.
Um diese Gelder wird es am Mittwoch gehen. Auch Klaus Müller ist dann geladen, wobei er sich die Veranstaltung „nicht antun will“, sagt er. Seine Situation: Während vom vorgestreckten Kapital für die Anleihen ein nennenswerter Teil zurückgezahlt werden dürfte, gelten die Privatdarlehen als nachrangig, sind nicht Teil der Insolvenzmasse und könnten komplett weg sein. Bei ihm sei es „besonders blöd gelaufen“, heißt es. Ein Einzelfall ist er aber nicht: Laut Insolvenzverwalter Bierbach haben 24 Anleger durch das von Green City vorgeschlagene Tauschgeschäft vor der Pleite unfreiwillig ihre Investition verdoppelt. Zum Vergleich: Die Anleihen hatten rund 1200 Anleger gezeichnet.
Wie die Sache für Müller ausgeht? Insolvenzverwalter Bierbach sagt, man suche Lösungen, verweist aber auf die Nachrangigkeit der Privatdarlehen. Und die SdK rät zur Schadensersatzklage, die wiederum Müller für wenig aussichtsreich hält. Eines ist aber klar: „Es wäre schmerzhaft, wenn ein Großteil des Geldes futsch ist“, sagt der 64-Jährige. „Das finanzielle Polster sollte mir helfen, in den Vorruhestand zu gehen. Ob ich mir das jetzt noch leisten kann, weiß ich nicht. Es hängt alles in der Schwebe.“