Kernfusion: Garchinger Start-up lässt hoffen

von Redaktion

VON THOMAS MAGENHEIM-HÖRMANN

München – Markus Blume (CSU) blickt auf die Historie der Kernfusion zurück. „Sie ist das Dauerversprechen zur Lösung aller Energiefragen“, philosophiert Bayerns Wissenschaftsminister. Seit Jahrzehnten mühten sich Generationen von Physikern, eingelöst habe es bislang keiner. Immerhin soll auf Erden nachgebildet werden, was in der Sonne passiert – die Verschmelzung von Atomen unter Freisetzung großer Energiemengen. Zur Verwirklichung dieses Traums braucht es offenbar ein Wunder. Das hofft Blume in Form eines Start-ups namens Marvel Fusion in Garching im Landkreis München gefunden zu haben. Marvel ist das englische Wort für Wunder

Moritz von der Linden, Chef und Mitgründer von Marvel Fusion, versprüht große Zuversicht. „Wir bauen binnen zehn Jahren oder schneller einen Fusionsreaktor“, sagt der Jungmanager. Er und Blume stehen bei ihren Worten auf dem Gelände der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in Garching. Marvel Fusion verfolgt im Gegensatz zu bisher gescheiterten Fusionsversuchen einen neuen Ansatz: Atomkerne sollen mittels Lasern verschmolzen werden. Über Computersimulationen ist das Verfahren bislang nicht hinaus. Denn heute gibt es keinen Laser, der zu Verwirklichung der Ideen von Marvel Fusion gut genug ist.

Genau das soll sich durch die Kooperation des 2019 gegründeten Start-ups mit der LMU ändern, für die der Freistaat 2,5 Millionen Euro spendiert. Mit dem Geld soll ein bestehender Hochleistungslaser der LMU derart aufgemöbelt werden, dass er die Theorien von Marvel Fusion in die Praxis umsetzen kann.

Binnen zwei bis drei Jahren werde klar sein, ob die Berechnungen und Theorien von Marvel Fusion der physikalischen Realität wirklich Stand halten, so von der Linden. In dem Fall seien per Kernfusionsreaktor anfangs Strompreise von zehn Cent je Kilowattstunde realistisch, später auch fünf Cent (2021 lagen die Industrie- und Gewerbestrompreise in Deutschland zwischen 17 und 23 Cent). Fusionieren will Marvel Fusion ein Gemisch aus Wasserstoff und Bor, also zwei überall verfügbare Rohstoffe, die keine neuen Abhängigkeiten schaffen. „Wir hinterlassen keinen radioaktiven Müll, unseren Brennstoff können Sie bedenkenlos anfassen“, sagt der Start-up-Chef mit Blick auf Bor. Dazu kommt, dass die Energieausbeute theoretisch riesig ist. Im Vergleich zu Uran und Kernspaltung produziere die eigene Fusionstechnologie 150 Mal mehr Energie, und im Vergleich zu Kohle ein Millionenfaches, erklärt von der Linden. „Das ermöglicht nahezu unbegrenzte Energieversorgung und das völlig frei von klimaschädlichen Emissionen“, sagt der Gründer. Atomunfälle wie bei der Kernspaltung seien in Fusionsreaktoren schon deshalb unmöglich, weil es dort keine Kettenreaktion gebe. Im Vergleich zu konkurrierenden Start-ups speziell aus den USA sieht sich Marvel Fusion vor allem mit Blick auf die Kommerzialisierung im Vorteil. Das Jungunternehmen kooperiert unter anderem mit Siemens Energy als potenziellem Bauer von Fusionskraftwerken. Doch erst muss im Laserexperiment bewiesen werden, dass die Ideen funktionieren. Dann müsse für etwa eine Milliarde Euro ein Demonstrationsreaktor gebaut werden, sagt von der Linden. Ein erster richtiger Fusionsreaktor zur Stromerzeugung koste weitere vier bis fünf Milliarden Euro. Bislang hat Marvel Fusion von privaten Geldgebern und Wagniskapitalfonds rund 60 Millionen Euro gesammelt – es bleiben also Hürden, bis der erste Strom fließt.

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