Rohöl deutlich billiger: Rezessionsangst lässt Preise fallen

von Redaktion

München – Die Angst vor einem möglichen Einbruch der Industrieproduktion hat die Rohölpreise seit Dienstag um beinahe 11 Prozent absinken lassen. Kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent am Dienstagvormittag noch rund 113 US-Dollar, waren es gestern kaum noch 101 Dollar. Am Mittwoch war der Preis zeitweise sogar auf dem tiefsten Stand seit Mitte Mai.

Der Preis für ein Fass der US-amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) kostete gestern 99,33 Dollar. Treiber dieser Entwicklung sind vor allem Konjunktursorgen in den USA und Europa, erklärt Carsten Fritsch, Rohstoffanalyst bei der Commerzbank: „In Europa dominiert die Angst vor einem Gasmangel, weshalb auch der US-Dollar aufwertet.“

Denn die für Deutschland wichtigen Gasflüsse aus Russland sind bereits jetzt reduziert. Ab dem 11. Juli wird die Pipeline Nord Stream 1 für voraussichtlich zehn Tage gewartet: „Das ist ein turnusmäßiger Vorgang. Es besteht jedoch die Befürchtung, dass danach aus politischen Gründen gar kein russisches Gas mehr geliefert wird“, erklärt Carsten Fritsch. Das würde wahrscheinlich eine physische Gasmangellage hervorrufen, was die strategische Abschaltung von gasintensiven Industriebetrieben bedeuten würde. „Bei einer Gasmangellage würde auch weniger Öl, etwa für den Transport von Waren benötigt“, so Fritsch – die Möglichkeit dieses Szenarios belastet den Ölpreis schon heute. Außerdem drückt die Aufwertung der US-Währung auf den Rohstoff: „Rohöl wird auf den Weltmärkten in Dollar gehandelt. Ist dieser mehr wert, sinken für gewöhnlich die Ölpreise“, erklärt der Analyst.

Ein weiteres Absinken der Preise hält Fritsch für nicht sehr wahrscheinlich, denn die Preise würden durch ein nach wie vor knappes Weltmarktangebot gestützt. Fritsch rechnet eher mit einer Stabilisierung der Preise auf dem derzeitigen Niveau: „Aktuell befürchten wir einen 30-tägigen Lieferstopp für kasachisches Öl, nachdem ein russisches Gericht angeordnet hatte, dass in einem Export-Terminal für diesen Zeitraum kein Öl verladen werden darf“, sagt Carsten Fritsch. Das Urteil gehe zwar noch in Revision, aber das Risiko würde bestehen. „Täglich 1,2 Millionen Barrel weniger wären auf dem Weltmarkt spürbar“, so der Rohstoffanalyst. Auch die großen Händler erwarten offenbar eine weiterhin angespannte Versorgungslage: „Die fallenden Terminkurven deuten in näherer Zukunft weiter ein knappes Angebot an“, so Fritsch. MATTHIAS SCHNEIDER

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