Kohle und Personal händeringend gesucht

von Redaktion

Der Bundesrat hat am Freitag den Weiterbetrieb der verbleibenden deutschen Kohlekraftwerke gebilligt. Es ist eine Reaktion auf die Drosselung russischer Gaslieferungen. Doch ganz einfach ist die vorübergehende Rückbesinnung auf die Kohle nicht, wie eine Umfrage unter großen Kraftwerksbetreibern ergab.

Der Kraftwerksbetreiber Leag etwa bereitet sich darauf vor, die derzeit noch in Sicherheitsbereitschaft befindlichen 500-Megawatt-Blöcke E und F des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde in Brandenburg wieder anzufahren.

„Aktuell werden die beiden Kraftwerksblöcke technisch überprüft. Um sie für einen mehrwöchigen oder gar mehrmonatigen Einsatz fit zu machen, werden Instandhaltungsarbeiten notwendig sein“, teilte das Unternehmen mit. Auch zusätzliches Personal müsse eingestellt werden. „Für einen Dauerbetrieb der beiden Kraftwerksblöcke rechnen wir nun mit einem Personalmehrbedarf von mehr als 200 Mitarbeitern“, betonte eine Unternehmenssprecherin. Die Stellen dazu seien seit mehreren Wochen ausgeschrieben. Zudem müsse die Bundesregierung die Kraftwerksblöcke für die Dauer ihres geplanten Einsatzes noch von den seit dem vergangenen Jahr verschärften Immissionsschutzauflagen für Braunkohlekraftwerke befreien, betonte die Leag. Denn eine entsprechende technische Nachrüstung sei schon aus zeitlichen Gründen nicht möglich. Der Essener Kraftwerksbetreiber Steag kann nach eigenen Angaben über den Oktober 2022 hinaus sogar zusätzlich rund 2300 Megawatt Leistung zurück an den Markt bringen. Dazu müssten drei Steinkohlekraftwerke im nordrhein-westfälischen Bergkamen und im saarländischen Völklingen über die eigentlich geplante Stilllegung Ende Oktober hinaus weiter betrieben werden. Außerdem könnten zwei Kraftwerksblöcke im Saarland aus der Netzreserve zurückgeholt werden, teilte das Unternehmen mit. Probleme sieht die Steag allerdings noch bei der ausreichenden Versorgung dieser Kraftwerke mit Kohle. „An den meisten Kraftwerksstandorten selbst reicht der Kohlevorrat derzeit nur etwa für eine Woche Volllastbetrieb aus“, betonte das Unternehmen. Denn niemand habe mit dem steigenden Bedarf an Kohlestrom gerechnet. Zwar habe die Steag Zugriff auf Steinkohlevorräte für etwa 30 Tage Volllastbetrieb der gesamten Kraftwerksflotte, doch lagere die Kohle überwiegend in Rotterdam, und beim Transport zu den Kraftwerksstandorten gebe es einen Engpass. Denn auch die Logistikbranche habe sich auf den seit 2020 gesetzlich verankerten Kohleausstieg eingestellt und Transportkapazitäten für die Steinkohle entsprechend heruntergefahren. „Es fehlt derzeit an Binnenschiffen, Güterwaggons, Lokomotiven und Lokführern“, so die Steag. Der Stromriese RWE bereitet sich darauf vor, drei 300-Megawatt-Kraftwerksblöcke, die aktuell noch in der Sicherheitsbereitschaft sind, wieder anzufahren: Die Blöcke E und F des Braunkohlekraftwerks Niederaußem und den Block C des Kraftwerks Neurath.  dpa

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