„Wir brauchen konventionelle Kraftwerke“

von Redaktion

INTERVIEW: Energiespeicher-Forscher André Thess über den Stand der Stromwende

Strom soll in Deutschland künftig aus Wind- und Sonnenenergie gewonnen werden. Doch mit dem Ausstieg aus Kohle und jetzt auch Gas braucht es neue Quellen für die Grundlastversorgung während der sogenannten Dunkelflaute. André D. Thess ist Professor für Energiespeicherung an der Universität Stuttgart. Für ihn ist klar: Für die Energiewende werden wir die Kernkraft noch lange brauchen.

Herr Thess, Sie haben am 9. und 10 Juni an der Uni Stuttgart eine Tagung „20 Jahre Energiewende“ abgehalten. Gemeinhin wird der von Kanzlerin Merkel angeordnete Atomausstieg 2011 nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima als Startschuss für die Energiewende angesehen. Für Sie geschah das aber schon Jahre zuvor.

Richtig. Am 15. Februar 2002 eröffnete der damalige Umweltminister Jürgen Trittin die Konferenz „Energiewende – Atomausstieg und Klimaschutz“ und bezeichnete den „Atomausstieg als Chance für den Klimaschutz“. Daran sieht man, dass die deutsche Energiewende von Anfang an einen kardinalen Denkfehler enthielt. Der Verzicht auf die CO2-freie Atomenergie ist keine Chance für den Klimaschutz, sondern unterminiert ihn. Das macht schon eine Zahl deutlich. Deutschland stößt nach 20 Jahren Energiewende doppelt so viel CO2 pro Kopf aus wie Frankreich, wo die Atomenergie kräftig genutzt wird. Ein solches Projekt kann man beim besten Willen nicht als Erfolg bezeichnen.

Der Untertitel ihrer Tagung lautet: Wissenschaftler ziehen Bilanz. Wie ist deren Urteil ausgefallen?

Kollegen von den Universitäten Dresden, Cottbus und Karlsruhe haben den technologischen Stand der Energiewende im Wärme-, Strom- und Verkehrssektor betrachtet und kommen zu dem Ergebnis, dass die Energiewende zum Scheitern verurteilt ist, wenn die Bundesregierung den eingeschlagenen Kurs beibehält. Sie haben es in den Vorträgen zwar etwas diplomatischer formuliert, aber im Kern war dies die Aussage.

Genau das will Bundeskanzler Scholz aber tun. „Wir müssen jetzt den Turbogang einlegen“, sagte er kürzlich beim Bundesverband der Erneuerbaren Energien. Man habe das Ziel, bis 2030 etwa 80 Prozent der Stromversorgung durch Erneuerbare Energien zu decken.

Ihm sind offenbar die Probleme nicht bewusst. Im Elektrizitätsnetz müssen Erzeugung und Verbrauch von Strom jederzeit in Balance sein, sonst bricht die Stromzirkulation zusammen. Im „alten“ Stromsystem mit der gut regelbaren Stromerzeugung von Kohle-, Kern- und Wasserkraftwerken war diese Ausbalancierung durch Steuerung der Stromflüsse relativ einfach zu bewerkstelligen. Doch die zunehmende Stromerzeugung mit Windrädern und Photovoltaikanlagen, deren Stromlieferungen aufgrund der Schwankungen von Wind und Sonneneinstrahlung ebenfalls stark fluktuiert, wird das immer schwieriger.

Steuern wir etwa auf einen Blackout zu?

So weit würde ich nicht gehen, aber ich sehe die Zukunft der Elektrizitätsversorgung mit Sorge. Je mehr Erneuerbare Energien wir für die Stromversorgung einsetzen, um so störanfälliger wird sie. Aber es gibt ein noch größeres Problem. Im Winter kommen Wetterperioden vor, in denen zwei bis drei Wochen kaum die Sonne scheint und auch der Wind nicht weht, eine sogenannte Dunkelflaute. Wie soll in dieser Zeit die Stromversorgung sichergestellt werden?

Welche Lösungsansätze werden ins Auge gefasst?

Die theoretisch denkbare Lösung sieht so aus, dass man mit Strom im Sommer und Herbst Energiereserven für den Winter anlegt. Aber wie gewaltig die Aufgabe ist, sieht man daran, dass mit der gegenwärtig vorhandenen Speicherkapazität die Versorgung Deutschlands gerade einmal eine halbe bis eine Stunde aufrechterhalten werden kann. Man müsste riesige Batteriespeicher anlegen oder mittels Elektrolyse Wasserstoff herstellen und diesen Energieträger dann wieder in Strom umwandeln. Das ist nicht nur ein gigantisches Projekt, sondern auch ein ungeheuer komplexes. Zur Sicherstellung der Stromversorgung wird man auf sehr lange Zeit noch einen Park von konventionellen Kraftwerken benötigen, seien es nun fossile oder Kernkraftwerke.

Die Bundesregierung will wie schon lange geplant zum Jahresende die drei letzten noch laufenden Kernkraftwerke stilllegen lassen. Dann stehen also nur noch fossile Kraftwerke als Reserve zur Verfügung. Angesichts der Ungewissheit, ob weiter russisches Gas nach Deutschland fließt, sollen das Kohlekraftwerke sein.

Damit macht man genau das Falsche. Die Kernenergie ist im Grunde eine genauso CO2-freie Energiequelle wie die Erneuerbaren. So sieht es auch der Weltklimarat IPCC und die EU-Taxonomie. Pro Einheit Strom setzt ein Kohlekraftwerk knapp ein Kilogramm CO2-Einheiten frei, bei Sonne, Wind und Kernkraft sind wir nahe null.

Mit dem vollständigen Ausstieg will man sich endgültig von den Risiken der Kernenergie befreien.

Was das Risiko der Kernenergie angeht, herrscht in der Öffentlichkeit in Deutschland eine Wahrnehmung, die nicht mit den Fakten im Einklang steht. Gemäß ourworldindata.org fordert jede Terawattstunde Kohlestrom 25 Tote. Bei Kernenergie, Wind und Sonne sind es hingegen nur 0,03, 0,04 beziehungsweise 0,02.

Technisch spricht also alles dafür, die drei Kernkraftwerke weiter zu betreiben. Aber ist das überhaupt noch machbar?

Die Technikhistorikerin Anna Verona Wendland, die durch ihre Studien bestens über den Betrieb der deutschen Kernkraftwerke informiert ist, hält es gemäß ihrem Vortrag immer noch für möglich. Aber es fehle offenbar der politische Wille.

Dazu passt der Umgang der Bundesregierung mit den Ergebnissen des G7-Gipfels. Im Schlusskommuniqué haben die fünf Staaten, die Kernenergie nutzen – das sind die USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich und Japan – die Bedeutung der Kernenergie für eine sichere und CO2-freie Energieversorgung unterstrichen und dafür plädiert, die Technik weiterzuentwickeln, damit mehr Staaten die Kernenergie nutzen. Das Bundespresseamt hat die Ergebnisse des Gipfels in danach in zehn Punkten zusammengefasst. Die Aussage zur Kernenergie fehlt.

Das zeigt, wie sehr Deutschland mit seinem Kurs international ins Abseits geraten ist.

Interview: Hans Dieter Sauer

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