Anshu Jain: Tod eines Investmentbankers

von Redaktion

Frankfurt – Anshu Jain hat das weltweite Investmentgeschäft der Deutschen Bank seit 1995 maßgeblich geprägt. Der einstige Hoffnungsträger des Geldhauses ist nun im Alter von 59 Jahren an einem langen Krebsleiden gestorben. Viele die ihn kannten, beschreiben ihn als freundlich, smart, intellektuell und brillant. Andererseits fallen viele Skandale und Fehlentwicklungen in die Zeit von Jain.

Nach dem Abschied von Josef Ackermann von der Spitze des Geldhauses sollte der in Indien geborene Brite Jain alles besser machen, vor allem, was die Profitabilität der Deutschen Bank anging. Neben dem in Deutschland bestens vernetzten Jürgen Fitschen war er nur „Co“. Ab 2015 sollte Jain die Bank dann alleine führen. Es kam anders. Beide agierten glücklos und mussten nach nur drei Jahren wieder gehen. In der Nacht zum Samstag ist Jain im Alter von nur 59 Jahren gestorben. Er lebte zuletzt mit seiner Frau und den beiden Kindern in London.

Deutsche Bank Aufsichtsratschef Alexander Wynaendts lobte Jains Verdienste um den Ausbau der Position der Deutschen Bank im weltweiten Geschäft mit Unternehmen und Großanlegern. Vorstandschef Christian Sewing erinnerte an Jains „leidenschaftliche Führungskraft von intellektueller Brillanz.“ Viele in der Bank habe er mit seiner Energie und Loyalität zutiefst beeindruckt.

Der am 7. Januar 1963 im indischen Jaipur geborene Jain besuchte Privatschulen in Kabul und Neu-Delhi, studierte in Indien und in den USA. Zunächst arbeitete er für die US-Investmentbank Merrill Lynch. 1995 holte ihn der damalige Bank-Chef Josef Ackermann zur Deutschen Bank. In London verantwortete Jain das Investmentbanking. Er baute es zur ertragsstärksten Sparte des Geldhauses aus, die über Jahre Milliarden verdiente. Zudem erwirtschaftete Jains Team – oft eher despektierlich auch als „Anshus Army“ bezeichnet – bis zu 80 Prozent des Gewinns der Bank. Während Jain in der Londoner Finanzszene ein Star war, kannte ihn in Frankfurt selbst in Bankerkreisen 2012 kaum jemand. Selten trat der Brite öffentlich auf. Das änderte sich schnell. Smart und freundlich, mitunter einen Rucksack lässig über die Schulter gehängt, zeigte sich der Cricket-Fan in Frankfurt, bekannte dass er fleißig Deutsch lerne.

Auch wenn der Brite in der Branche hochgelobt wurde – seine Zeit an der Spitze der Bank verlief glücklos. Anfang Juni 2015 beschloss der Aufsichtsrat die Ablösung von Jain und Fitschen. Jain musste sofort gehen, der Deutsche bekam Aufschub für ein Jahr. Der Druck auf beide war in den Wochen davor enorm gestiegen. Auf der Hauptversammlung Ende Mai 2015 waren beide nur mit rund 60 Prozent entlastet worden – ein vernichtendes Urteil. Normalerweise liegen die Quoten bei deutlich mehr als 90 Prozent. Gründe: Die enttäuschenden Geschäftsergebnisse der Bank seit 2012, ein schwacher Aktienkurs und der immer größere Abstand zu den US-Investmentbanken. Außerdem schafften es Jain und Fitschen nicht, die Abhängigkeit vom Investmentbanking zu reduzieren. Es brachte zwar mitunter hohe Gewinne, aber eben nicht immer. Und es verschlang aber auch – wegen extrem hoher Gehälter Boni für die Investmentbanker – sehr viel Geld. Fast wichtiger noch: Die Bank wurde von Skandalen gebeutelt. Sie hatten seit dem Amtsantritt von Jain und Fitschen Strafzahlungen und Geldbußen in fast zweistelliger Milliardenhöhe zur Folge – unter anderem für Manipulationen bei wichtigen Zinsen und Devisen und wegen umstrittener Hypothekengeschäfte in den USA.

Aufgetreten waren etliche Skandale in der Zeit, als Jain die Investmentsparte geleitet hatte. Der Brite selbst betonte gleichwohl immer wieder, dass er von den Vorgängen nichts gewusst habe. Die Finanzaufsicht BaFin hielt Jain mit Blick auf die Zinsmanipulationen aber schwere Versäumnisse vor. Er hätte davon wissen müssen. Als die beiden Chefs gehen mussten waren noch rund 6000 Verfahren offen.

ROLF OBERTREIS

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