Berlin/München – In den kommenden Tagen geht das wohl größte Experiment im Nahverkehr zu Ende. Drei Monate lang gab es das bundesweit gültige Nahverkehrsticket für neun Euro. 38 Millionen Fahrkarten wurden verkauft. Selbst der Bundeskanzler spricht von einem großen Erfolg. Doch nun werden nach und nach die Ergebnisse begleitender Studien veröffentlicht. Und es zeigt sich, dass es neben positiven Veränderungen auch enttäuschende Resultate gibt. Beides bringt dem Nahverkehr jedoch einen Schub nach vorne.
Die begleitenden Umfragen zeigen, dass der einfach zu verstehende Tarif und die bundesweite Gültigkeit der Fahrscheine auch Menschen anlockt, die noch nie mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs waren. „Da saßen Leute im Zug, die waren noch nie im öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) und noch nie an der Ostsee“, berichtet der Verkehrsexperte des Deutschen Städtetags, Hilmar von Lojewski. Die Tickets wurden quer durch alle Schichten der Gesellschaft gekauft. Laut Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) wurden über den gesamten Zeitraum 52 Millionen Tickets verkauft. Einer VDV-Studie zufolge haben immerhin 16 Prozent der Befragten den ÖPNV damit einmal ausprobiert. Der VDV führt zusammen mit der Deutschen Bahn die umfangreichste Umfrage zur Nutzung des 9-Euro-Tickets durch, 6000 Menschen werden jede Woche befragt. Dabei kam heraus, dass jeder zehnte Nutzer des Tickets mindestens eine Fahrt mit dem ÖPNV gemacht hat, die er ohne das Ticket im Auto zurückgelegt hätte. Die einfache Tarifstruktur soll nun möglichst auch in Nachfolgeangeboten beibehalten werden.
Es profitierten jedoch längst nicht alle Regionen vom Billigticket. In den größeren Städten haben es viel mehr Menschen gekauft als in den ländlichen Gebieten. Die angegebenen Gründe in der Studie des VDV sind leicht nachvollziehbar. Busse und Züge fahren zu selten oder gar nicht. „Da passt das Angebot nicht“, räumt VDV-Fachmann Kan Schilling ein. Dagegen haben sich in großen Städten mit einem engen Netz die Fahrzeuge wieder gefüllt, nachdem es in der Pandemie zu einem Einbruch der Passagierzahlen kam. So berichtet das größte Verkehrsunternehmen, die Berliner BVG, dass mittlerweile das Niveau der Zeit vor Corona wieder erreicht werden konnte. Die Nutzung des Tickets hängt von der Qualität des Angebots ab. Das ist die zweite Lehre des Pilotversuchs.
Zwei entscheidende Ergebnisse werfen jedoch lange Schatten auf die Erfolgsgeschichte. So ist ein Billigticket wohl kein großer Beitrag zu einer klimafreundlichen Verkehrswende. Denn auf das Auto verzichteten in der täglichen Routine, etwa auf dem Weg zur Arbeitsstelle, nur wenige. Nur im Freizeitverkehr am Wochenende ließen Kunden das Auto häufiger stehen und stiegen auf Busse und Bahnen um. Die Bilder von überfüllten Bahnsteigen und Zügen in den beliebten Feriengebieten sind noch in bester Erinnerung. So sagte mehr als ein Drittel der vom VDV Befragten klipp und klar, dass sie generell nicht bereit seien, auf das eigene Auto zu verzichten. Das bestätigt auch die Mobilitätsforscherin Claude Notiz vom Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrt. „Dafür reicht ein gutes Angebot nicht aus“, sagt sie. Für einen Umstieg muss der Vorteil der ÖPNV größer sein, zum Beispiel durch eine Umverteilung des Straßenraums zugunsten öffentlicher Verkehrsmittel. Anders gesagt: erst wenn Autofahren eingeschränkt wird, wird das Auto unattraktiv. Das ist die dritte Lehre.
Schließlich ist das 9-Euro-Ticket für die öffentliche Hand extrem teuer. 2,5 Milliarden Euro kosten den Bund die drei Monate. Der Städtetag geht von deutlich höheren Kosten für die Verkehrsunternehmen aus. Diese kämpfen gerade mit hohen Kostensteigerungen. Das Geld fehlt auch für eine Ausweitung des Angebots, zum Beispiel auf dem Land. „Das kriegen wir allein nicht mehr gestemmt“, warnt von Lojewski. Der ÖPNV ist auch bei höheren Ticketpreisen dauerhaft auf Subventionen angewiesen. Derzeit kommt jeder dritte Euro aus anderen Quellen als dem Ticketverkauf.
Aus den Erfahrungen leiten Experten schon die Grundregeln für Nachfolgeregelungen ab. „Es muss ein Mix sein auf einem guten Preis und einem besseren Angebot“, sagt Schilling. Für den Ramschpreis von neun Euro wird der unbegrenzte Nahverkehr aber wohl nie wieder zu haben sein.