Weshalb wir Gazprom Germania retten

von Redaktion

VON MATTHIAS SCHNEIDER

München – Sie erregt gerade die Gemüter wie kaum etwas anderes: Die Umlage zur Ersetzung russischer Gaslieferungen. 90 Prozent davon gehen an zwei große Händler. Einer davon ist die Saving Energy vor Europe, kurz Sefe, die noch bis vor Kurzem der deutsche Arm von Putins Energiewirtschaft war. Ein Überblick, weshalb deutsche Verbraucher ab dem Herbst einen russischen Konzern stützen werden.

Geschäftsfelder

Die Sefe ist nach eigenen Angaben mit rund 50 Unternehmen in 16 Ländern tätig. 1990 gegründet, um die Geschäfte des staatsnahen Konzerns Gazprom in Europa zu führen, stieg sie bald zu einem bedeutenden Spieler in den Bereichen Gashandel, Transport und Speicherung auf. Im Zuge von Entflechtungsmaßnahmen wurden die Geschäftsfelder in Firmentöchter unterteilt.

Die Wingas, ein ehemaliges Gemeinschaftsprojekt mit der BASF-Tochter Wintershall Dea, verkauft rund 20 Prozent des in Deutschland verbrauchten Gases. Kunden sind rund 100 Stadtwerke und ebenso viele Industriebetriebe, heißt es aus Behördenkreisen. Damit gehört sie zu den wichtigsten Gashändlern des Landes – und ist inzwischen vollständig Eigentum der Gazprom Germania.

Die Sefe-Tochter Astora gehört mit 25 Prozent Marktanteil in Deutschland zu den größten Speicherbetreibern Europas. Zum Gesamtvolumen von knapp 60 Terawattstunden  – etwa sechs Prozent des deutschen Jahresverbrauchs – gehören die großen Kavernen in Rehden, Jemgun und Haidach. Diese Speicher haben das spätere Schicksal der Sefe maßgeblich beeinflusst: Bereits mit dem russischen Überfall auf die Ukraine wurde befürchtet, dass der Kreml die Gazprom angewiesen hat, ihre deutschen Speicher zu leeren, um die Bundesrepublik erpressbar zu machen.

Der Verdacht bestätigte sich im April: Als die Bundesregierung die Bundesnetzagentur als Treuhänder einsetzte, konnte diese nur leere Speicher vermelden. Im Mai verbot der Kreml als Retourkutsche den Export russischen Gases an die Gazprom Germania.

Die Rettung

Die Konsequenz wäre eine Katastrophe für die Bundesrepublik gewesen. Denn als Gazprom Germania die Verträge mit ihren deutschen Kunden vereinbarte, kostete russisches Gas noch rund zwei Cent pro Kilowattstunde. Durch das Embargo stieg der Preis jedoch um das Fünf- bis Zehnfache – und Gazprom Germania muss ihre deutschen Kunden zu den alten, günstigen Konditionen bedienen. Die Folge wäre unweigerlich die Insolvenz gewesen – und die Kunden wären schutzlos den extremen Börsenpreisen ausgeliefert, derzeit gut das Zehnfache der gewohnten Höhe. Deshalb sprang die Regierung mit öffentlichen Geldern für die Ersatzbeschaffung ein. Aus Behördenkreisen wurde bekannt, dass die Förderbank KfW bisher rund neun Milliarden Euro für die Nachkäufe bereitgestellt hat. Wie im Falle von Uniper will man die KfW-Kredite nun durch die Gas-Umlage ersetzen. Die Querfinanzierung wird so lange benötigt, bis die alten Verträge auslaufen und die Sefe Neuverträge an die aktuellen Beschaffungskosten angleichen kann. Durch die Umlage soll verhindert werden, dass nur die Wingas-Kunden getroffen werden. Die Belastung wird also auf die Schultern aller Gaskunden verteilt.

Besitzverhältnisse

Russland wollte mit der Leerung der Gasspeicher die Energieversorgung der Republik gefährden. Mit dem Leerlaufen der Speicher wurde am 1. April der Beschluss gefasst, das Unternehmen zu liquidieren. Für das deutsche Außenwirtschaftsgesetz stellte die Lage bei Gazprom Germania eine Störung wesentlicher Sicherheitsinteressen Deutschlands dar. Deshalb durfte die Bundesnetzagentur als Treuhänder eingesetzt werden. Diese verwaltet die Ressourcen nun zugunsten Europas. Eine Enteignung hat jedoch nicht stattgefunden: Die Sefe ist nach wie vor in russischer Hand. Um die Unabhängigkeit vom Regime in Moskau zu betonen, wurde die Gazprom Germania im Juni umbenannt: Securing Energy for Europe bedeutet so viel wie: Die Energieversorgung Europas sichern – also genau das, was Gazprom verhindern sollte.

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