Leipzig/Karlsruhe – Der Gasversorger VNG – die Nummer drei auf dem deutschen Markt – ist wegen der Energiekrise in finanzielle Schieflage geraten und beantragt Hilfe vom Staat. Dies teilten die VNG AG in Leipzig und der Mehrheitseigner EnBW in Karlsruhe am Freitag mit. Hintergrund sind ausbleibende russische Gaslieferungen, die nun teuer aus anderen Quellen ersetzt werden müssen. Die Unternehmenskrise könnte sehr viele Menschen berühren: VNG beliefert 400 Stadtwerke- und Industriekunden.
Das Bundeswirtschaftsministerium bestätigte den Eingang des Antrags auf sogenannte Stabilisierungsmaßnahmen nach Energiesicherungsgesetz. Viele Fragen waren aber zunächst offen, darunter, um welche Summen es geht und ob der Bund möglicherweise eine Beteiligung erwägt. Es gebe verschiedene Möglichkeiten, sagte ein Ministeriumssprecher. Welches Instrument gewählt werde, sei offen.
Nach Unternehmensangaben geht es darum, „eine Fortführung der Geschäftstätigkeit zu ermöglichen“. VNG mit Sitz in Leipzig hatte nach eigenen Angaben 2021 einen abgerechneten Umsatz von 18,5 Milliarden Euro und beschäftigt rund 1500 Menschen. Das Unternehmen deckte 2021 rund ein Fünftel des Gasbedarfs in Deutschland und gilt als „systemrelevant“: drittgrößter Gasversorger, zweitgrößter Fernnetzbetreiber, zweitgrößter Betreiber von Biogasanlagen.
VNG hat bereits Zahlungen aus der umstrittenen Gasumlage beantragt, die ab 1. Oktober erhoben werden soll. Dies reicht jedoch nach Darstellung des Unternehmens nicht aus. Die Hintergründe erklärte VNG so: „Von russischen Lieferausfällen betroffene Gasmengen mit teilweise fest vereinbarten Preisen müssen nun zu kriegsbedingt massiv höheren Preisen beschafft werden.“ Diese Ersatzmengen würden benötigt, um Kunden weiter verlässlich und zu den ursprünglich vertraglich vereinbarten Konditionen zu beliefern.
Es gehe um zwei Verträge, die von russischen Lieferausfällen betroffen seien: ein Direktvertrag über etwa 35 Terawattstunden – das sind 35 Milliarden Kilowattstunden – pro Jahr von Gazprom Export. Dieser werde aktuell und absehbar nicht mehr bedient. Allein daraus entstehe trotz Gasumlage etwa eine Milliarde Euro Verlust 2022. Knackpunkt ist nach Darstellung des Unternehmens aber ein weiterer Vertrag über 65 Terawattstunden im Jahr mit einem inländischen Vorlieferanten, der diese Gasmengen importieren wollte. Dieser Vertrag werde seit Mitte Mai nicht mehr durchgängig bedient. „Die Kosten der Ersatzbeschaffung hat VNG im August bei historisch hohen Gaspreisen anders als zuvor erwartet zu erheblichen Teilen tragen müssen“, erklärte das Unternehmen. „Die daraus absehbare finanzielle Belastung wäre für VNG nicht tragbar.“ dpa