„Die Vogel-Strauß-Methode klappt nicht!“

von Redaktion

INTERVIEW Schuldenexperte Ganzmüller über Pleiten bei Firmen, Versorgern und Haushalten

München – Schulden sind für Philipp Ganzmüller Alltag: Der Chef von Creditreform München bietet Bonitätsprüfungen, Inkassodienste und Schuldenberatungen an, das Unternehmen steht dabei in engem Austausch mit der Stadt München sowie mit großen Energieversorgern. Wir haben bei Ganzmüller nachgefragt, welche Spuren die Energiekrise bereits bei Unternehmen und Verbrauchern hinterlassen hat – und was noch auf uns zukommt.

Herr Ganzmüller, Sie sind Schulden- und Insolvenzexperte. Registrieren Sie wegen den explodierten Energiekosten und der hohen Inflation gerade große Zahlungsschwierigkeiten bei Verbrauchern?

Nein, momentan noch nicht. Die gefährdeten Menschen und Unternehmen können die Kosten oft gerade noch so stemmen. Wir stehen aber mit vielen Vermietern und Energieversorgern in Kontakt und bei denen kursieren bereits fiese Horrorszenarien.

Wie sehen die aus?

Bisher haben nur die wenigsten Mieter ihre Abschlagszahlungen für Heizen und Strom freiwillig angehoben. Wir haben zum Beispiel eine Baugenossenschaft aus Unterfranken als Kunden, die haben ihre 1500 Mieter explizit um solche Anpassungen gebeten. Dem ist aber nur etwa jeder Dritte nachgekommen. Deshalb droht nun ein gewaltiger Tsunami an Nachzahlungen. Gleichzeitig werden die Abschlagzahlungen für Nebenkosten im kommenden Jahr stark steigen. Viele werden diese Belastung nicht mehr stemmen können.

Es droht also eine Pleitewelle bei Verbrauchern?

Wir haben schon ohne Energiekrise sechs bis sieben Millionen Menschen in Deutschland, die mehr oder weniger vor der Privatinsolvenz stehen. Das sind oft Leute, die von Transferleistungen wie Hartz IV oder Sozialhilfe leben und bei denen der Gerichtsvollzieher ein und aus geht. Diese Personengruppe ist aber momentan gar nicht so bedroht, weil bei ihnen das Amt schon jetzt oft die Energiekosten übernimmt.

Welche Menschen dann?

Es ist die untere Mittelschicht und die Mittelschicht, die von der aktuellen Krise am stärksten betroffen ist. Wir sprechen hier von Haushalten, bei denen das Geld bisher immer gerade noch so gereicht hat, aber alles schon auf Kante genäht war. Das sind etwa Geringverdiener, aber auch Menschen, die hohe Fixkosten und wenig finanziellen Spielraum haben, weil sie zum Beispiel Autos und Immobilien abzahlen müssen. Eine echte Pleitewelle im Privatsektor wird es aber erst dann geben, wenn viele Unternehmen in die Insolvenz gehen und ihre Mitarbeiter entlassen. Arbeitslosigkeit ist der Hauptauslöser für Überschuldung, weil dann das Einkommen wegbricht.

Welche Branchen könnten Probleme bekommen?

Das Gute ist: Bisher gibt es noch kaum Firmenpleiten. Die Zahl der Insolvenzen wird aber steigen. Sie kommen meist zeitverzögert. Richtig heiß wird es vermutlich im kommenden Jahr im Mai und Juni. In der Baubranche spürt man aber bereits eine nachlassende Zahlungsmoral, was mitunter an der schwächeren Konjunktur liegt. Im Einzelhandel und im Onlinehandel hat sich die Lage auch verschlechtert, ebenso in Bereichen wie dem Gartenbau, die stark von der Pandemie profitiert haben. Und es gibt weitere Branchen, die in einer schwierigen Lage stecken, die aber wohl auch 2023 nicht in einer Insolvenzstatistik auftauchen werden.

Welche denn?

Zum Beispiel die durch die Pandemie stark gebeutelte Gastronomie. Hier wird es kaum Insolvenzen geben, weile die Gastwirte ihre Lokale nämlich einfach zusperren werden. Auch für kleinere Versorger wird es schwer. In normalen Zeiten können rund ein Prozent ihrer Kunden die Strom- oder Gasrechnungen nicht zahlen, momentan befürchten sie Ausfallquoten von sieben bis 15 Prozent. Kommt es so, muss der Staat einspringen. Das geht aber auch nicht endlos.

Gerade wurden erste Vorschläge für eine Gaspreisbremse vorgestellt. Das nimmt Druck weg, oder?

Wie die Gaspreisbremse genau ausgestaltet wird, ist zentral für die weitere Entwicklung. Auch die Entschärfung des Insolvenzrechtes und die Kurzarbeit können passende Mittel sein, um die Lage zu entspannen. Es ist gut, dass die Bundesregierung das Problem angeht, die hohen Gas und Strompreise gefährden den sozialen Frieden. Andererseits muss die Politik aufpassen, dass sie das Geld nicht mit der Gießkanne an Leute und Firmen verteilt, die es gar nicht wirklich brauchen. Auch Zombieunternehmen, deren Geschäftsmodell eigentlich tot ist und die sich nur noch durch Hilfszahlungen am Leben halten, darf die Politik nicht erzeugen. Das alles ist keine leichte Aufgabe.

Was sollte man tun, wenn man merkt, dass man seine Rechnungen einfach nicht mehr zahlen kann?

Rechtzeitig selbst tätig werden und die Gläubiger kontaktieren. Egal ob Vermieter, Bank oder Energieversorger – meiner Erfahrung nach sind alle froh, wenn Kunden auf Zahlungsprobleme aufmerksam machen, bevor es zu spät ist. Oft lässt sich dann auch noch eine Lösung finden. Rechnungen können zum Beispiel in Raten gezahlt oder erst einmal gestundet werden, Raten für Dinge wie Immobilienkredite lassen sich temporär reduzieren und so weiter. Es gibt also Möglichkeiten. Die ergeben sich aber nur, wenn man den Kopf nicht in den Sand steckt. Die Vogel-Strauß-Methode klappt nicht, sie macht alles nur noch viel schlimmer.

Hilft auch eine professionelle Schuldenberatung?

Auf jeden Fall. Doch auch die sollte man frühzeitig aufsuchen. Denn Schuldenberater haben gerade viel zu tun, oft muss man dort sehr lange auf einen Termin warten.

Interview: Andreas Höß

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