München – Die Lage der bayerischen Wirtschaft ist gut, die Angst vor der Zukunft aber so groß wie noch nie: „Die Erwartungen sind einmalig schlecht, so etwas haben wir weder in der Finanzkrise, noch zu Beginn der Corona-Pandemie erlebt“, so Manfred Gößl, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages (BIHK) über die Herbst-Konjunkturumfrage.
Ursächlich sind größtenteils die hohen Energie- und Rohstoffpreise: 78 Prozent der befragten Unternehmen hielten diese zwischen Ende September und Mitte Oktober für ihr größtes Geschäftsrisiko. Das schlägt sich auf die Geschäftstätigkeit nieder:
„Die Investitionspläne der Industrie lagen im Frühjahr noch 14 Index-Punkte über dem langjährigen Durchschnitt – jetzt sind wir bei minus vier, ein Absturz von 25 Punkten“, so Gößl.
Laut BIHK-Präsident Klaus Josef Lutz drohe der Wirtschaft eine Abwärtsspirale: „Die Unternehmen kämpfen nicht nur wegen der hohen Energiepreise um Wettbewerbsfähigkeit, sondern ohne Investitionen auch in Sachen Modernisierung.“
Dazu kommen die anhaltenden Lieferschwierigkeiten: „Hier erwarten wir erst nach 2023 eine deutliche Verbesserung der Lage“, warnt Manfred Gößl. Die Firmen reagieren defensiv: „Ein Großteil der Unternehmen erhöht seine Lagerbestände, ein Drittel reduziert sein Angebot“. Das schlage sich auch in kürzeren Öffnungszeiten und erweiterten Ruhetagen nieder.
Auch problematisch: Zwei Prozent der befragten Unternehmen bezeichnen ihre Liquiditätslage als existenzbedrohend, acht als schlecht. Dazu kommt: „Die Banken sind restriktiver, der Zugang zu Krediten ist erschwert.“
Die Konsequenz des Krisencocktails: „Wir werden eine Zunahme der Betriebsinsolvenzen sehen, außerdem müssen 20 Prozent der Unternehmen Stellen abbauen“, so Gößl. Auch werde die Kurzarbeit über den Winter wieder steigen. Eine Massenarbeitslosigkeit erwartet er aber nicht: „Fachkräfte sind nach wie vor händeringend gesucht, 13 Prozent der Firmen wollen hier Stellen aufbauen.“ BIHK-Präsident Lutz fordert deshalb zuverlässige Hilfen für die Wirtschaft und eine langfristige Beschaffungsstrategie für günstige Energie.
Im Handwerk ist die Geschäftslage unterschiedlich. Laut der aktuellen Konjunkturumfrage des Bayerischen Handwerkstages (BHT) schätzen nach wie vor 43 Prozent der befragten Unternehmen ihre aktuelle Lage als gut ein, weitere 41 Prozent als befriedigend. „Gegenüber dem Vorjahresquartal ist dies lediglich ein leichter Rückgang um insgesamt drei Prozentpunkte“, sagte BHT-Präsident Franz Xaver Peteranderl gestern in München.
Alles also halb so wild? Nicht ganz: „Wenn in der aktuellen Situation ein Betrieb in der Umfrage ankreuzt, dass die Lage befriedigend ist, dann ist das mit früheren Werten nicht zu vergleichen“, betonten Peteranderl.
Außerdem ist die Stimmung je nach Branche unterschiedlich: „Einen gravierenden Stimmungseinbruch verzeichnete das Lebensmittelhandwerk“, sagte Peteranderl. Dazu zählen etwa Bäckereien und Metzgereien, die mit hohen Energie- und Rohstoffpreisen kämpfen.
Ähnliche Probleme gibt es am Bau, hier schlagen zusätzlich steigende Zinsen durch. Peteranderl sagte, Baufirmen hätten zunehmend mit Auftragsstornierungen zu kämpfe. „Erst gestern habe ich von einem Kunden erfahren, der eine bereits ausgehobene Baugrube wieder zugeschüttet hat“, sagte er. Das Ziel der Bundesregierung, jedes Jahr 400 000 neue Wohnungen zu bauen, hält Peteranderl angesichts der Stornierungen für unrealistisch. „Wir müssen froh sein, wenn wir die 250 000 Wohnungen überhaupt erreichen“, sagte er.
Es gibt aber auch Betriebe, die sich gerade wegen der Energiekrise über eine hohe Auslastung nicht beklagen können: Peteranderl nannte als Beispiel Elektro- sowie Heizungs- und Sanitärbetriebe. „Ich möchte aber bewusst nicht von Profiteuren sprechen“, sagte er. „Denn schön ist es nicht, Kunden sagen zu müssen, dass ihre Wärmepumpe erst 2024 eingebaut wird – denn das sind aktuell die Lieferzeiten.“