München – Zehn Prozent: Exakt so hoch war die Teuerung im November, meldete das Statistische Bundesamt am Dienstag. Verbraucher müssen längst nicht mehr nur für Gas, Öl und Strom viel tiefer in die Taschen greifen, auch bei Nahrungsmitteln steigen die Preise „merklich“, so die Statistiker. Speiseöle und Fette sind zum Beispiel 42 Prozent teurer als vor einem Jahr, Molkereiprodukte und Eier 34 Prozent, Brot und Getreideerzeugnisse 21 Prozent und Gemüse 20 Prozent. Wird ja alles teurer, könnte man nun denken. Und die Unternehmen müssen die hohen Energiepreise, teureren Vorprodukte und steigende Lohnkosten auch irgendwie ausgleichen.
Doch obwohl die Wirtschaft seit Monaten jammert, dass sie selbst oft auf Teilen der steigenden Kosten sitzen bleibt, scheint das nicht überall der Fall zu sein. Einige Branchen nutzen die hohe Inflation offenbar sogar als Ausrede, um die Preise stärker als nötig anzuheben – und sich so die Taschen vollzumachen. Das geht aus einer wissenschaftlichen Studie des ifo-Instituts hervor, das versucht hat, „Inflationsgewinner“ zu ermitteln.
Weil die Statistikämter keine Monatsdaten zu Absatzpreisen und Vorleistungspreisen veröffentlichen, aus denen man ablesen könnte, ob stärker abkassiert wurde als in normalen Zeiten, musste ein Umweg her: ifo-Forscher Joachim Ragnitz, der die Studie erstellt hat, wertete die Unterschiede zwischen nominaler und preisbereinigter Wertschöpfung anhand umfangreicher Formeln aus. Daraus ergibt sich der sogenannte Deflator, der Rückschlüsse auf Preisanhebungen zulässt, „die nicht durch höhere Vorleistungskosten verursacht wurden“.
Demnach gibt es Branchen, die tatsächlich in Problemen stecken. In der Industrie ist der Deflator nur leicht positiv, im Bergbau, der Energie und der Wasserversorgung sogar negativ. Das könne bedeuten, dass die Unternehmen die höheren Kosten „zuletzt nicht mehr vollständig an ihre Kunden weitergegeben haben“, erklärt Ragnitz. Sie blieben also auf Mehrausgaben für Energie und andere Dinge sitzen. Ganz anders in der Land- und Forstwirtschaft, der Fischerei, im Handel, im Gastgewerbe und im Verkehr: Hier wurden die Preise viel stärker erhöht „als es zu erwarten gewesen wäre“. In der Landwirtschaft ist der Deflator um 46 Prozent gestiegen, im Bau waren es 23 Prozent und im Handel über zwölf Prozent.
Für den hohen Anstieg in der Landwirtschaft äußert der Ökonom Verständnis. Die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse würden sich am Weltmarkt orientieren. Und dort seien wegen dem Ukraine-Krieg Waren von Knappheit bedroht, Weizen etwa. Außerdem hätten Landwirte zwar oft noch günstige Dünge- und Futtermittel im Lager gehabt, die höheren Preise für Nachbestellungen aber schon einberechnet. Solche Effekte hätte es am Bau und im Handel nicht gegeben. Hier dürften viele Firmen „die Gunst der Stunde genutzt haben“, so Ragnitz, um im Windschatten der Inflation ihre Preise und Gewinnmargen zu erhöhen. Dafür spreche auch, dass die Preissteigerungen schon im Frühjahr 2021 einsetzten, also vor dem Ukraine-Krieg.
Stellt sich die Frage, wie mit den Inflationsgewinnern umzugehen ist. Auch der Forscher hat sie sich gestellt. Eine Besteuerung der Übergewinne hält er nicht für sinnvoll, sie würde Preismechanismen komplett aushebeln. Mit der Steuer würden zudem Firmen geschröpft, die gut verdienen, weil sie innovativ sind oder schlicht mehr verkauft haben. Schließlich hat ganz sicher nicht jede Firma die Preise über Gebühr angehoben. Wer das getan hat und wer nicht, ist wohl sehr schwer zu ermitteln.
Bleibe am Ende der Kunde, so Ragnitz. Er könne Firmen abstrafen, indem er einfach woanders einkaufe. „Anpassungsdruck“ verursachen, nennt das der Forscher. Dafür sollte man Preise genau vergleichen. Ob man den Inflationsgewinnern dabei wirklich immer auf die Schliche kommt, ist aber fraglich. VON ANDREAS HÖSS
Ifo: In Bau und Handel steigen die Preise oft stärker, als sie müssten