„Innovationen, die die Welt bewegen werden“

von Redaktion

INTERVIEW mit Wirtschaftsminister Aiwanger über Anlagetipps, Sparsamkeit und die Aussichten für Bayern

München – Hubert Aiwanger (Freie Wähler) ist nicht nur Bayerns Wirtschaftsminister, sondern stammt auch aus der Landwirtschaft. Der Niederbayer hält es für gefährlich, dass immer mehr Bauern ihre Betriebe aufgeben. Ähnlich wie bei der Energie soll das Land mehr Unabhängigkeit erreichen. Sich selbst sieht Aiwanger als eher bodenständig – was den Konsum und die Geldanlage angeht. Dem Freistaat attestiert er die Kraft zu neuen Exportschlagern.

Herr Aiwanger, viele Menschen stöhnen unter den gestiegenen Preisen, können Sie ihnen Mut fürs nächste Jahr machen? Und wie gehen Sie selbst um mit der Inflation?

Gott sei Dank ist die Wirtschaft trotz sehr schlechter Rahmenbedingungen erstaunlich stabil. Großer Dank an die Unternehmer und die Beschäftigten für diese Leistung, dass das Land läuft. Ich erwarte trotzdem, dass sich die Energieversorgung wieder stabilisieren lässt und wir damit diesen Inflationstreiber in den Griff bekommen. Für Menschen mit normalem oder geringerem Einkommen ist die Lage sehr schwierig.

Sind Sie ein sparsamer Mensch? Gehen Sie selbst einkaufen?

Ich bin kein Mensch, der den großen Luxus oder viel Konsum braucht. Auch als ich noch kein Landtags- oder Ministergehalt hatte und zu Hause auf dem Bauernhof gearbeitet habe, war ich zufrieden. Ich kaufe vereinzelt selbst ein, habe aber leider meistens keine Zeit dazu.

Welche Rolle spielt Geld in Ihrem Leben? Haben Sie einen „Anlagetipp“ für unsere Leser? Schon mal an der Börse spekuliert?

Es ist vielleicht meiner bäuerlichen Herkunft geschuldet, dass ich nicht um Geld und Eigentum zocke. Aber wer in den nächsten Jahren gut und sicher investieren will, sollte in die erneuerbaren Energien gehen. Sich zum Beispiel bei einer Bürgerenergiegenossenschaft beteiligen. Wer sich auf das eigene Dach eine Photovoltaik-Anlage schrauben lässt, kann nicht nur selber gutes Geld durch Einspeisung verdienen, sondern auch seine mittlerweile schwer kalkulierbare Stromrechnung nach unten drücken.

Was verdient man als Minister? Fühlen Sie sich gut bezahlt?

Meine Bezüge sind transparent einsehbar, kann man auch alles googeln. Trotzdem würde ich niemandem empfehlen, wegen des Gehaltes in die Politik zu gehen (Anmerkung der Redaktion: Laut Google Besoldungsstufe B11, 14 785 Euro im Monat).

Wissen Sie noch, für was und wann Sie Ihr erstes selbst verdientes Geld bekommen haben? Und für was haben Sie’s ausgegeben?

Ich habe mein erstes Geld durch Mitarbeit am Bauernhof verdient, mein erstes Auto war ein Opel Corsa, mit dem ich dann auch zum Wehrdienst und zum Studium gefahren bin.

Sie sind auf einem Bauernhof groß geworden, haben eine Ausbildung zum Agrar-Ingenieur abgeschlossen – welchen Eindruck haben Sie, werden landwirtschaftliche Produkte gerecht bezahlt?

Bei Weitem nicht. Die Landwirtschaft ist eine der reglementiertesten Branchen mit sich immer verschärfenden Auflagen, die viel Geld kosten und oft nicht honoriert werden. Gleichzeitig drücken die großen Supermarktketten die Preise und die Menschen wollen bezahlbar versorgt werden. Immer mehr Landwirte geben ihre Höfe auf, was sehr gefährlich ist, wenn wir eine krisenfeste heimische Nahrungsmittelproduktion wollen.

Brauchen wir mehr Bio? Oder jeden Tag Fleisch?

Bio und Fleisch schließen sich nicht aus, Regionalität ist aber oft das bessere Bio. Am Ende entscheiden die Kunden, was sie wollen und Bioware findet mittlerweile teilweise nicht mehr genügend Kunden, weil es aufgrund der Vorschriften auch teurer ist. Die Politik tut aber gut daran, den Menschen keine Vorgaben für ihre Speisepläne zu machen.

Strom- und Heizkosten sind explodiert. Sie tun gerade alles dafür, um in Bayern die Windkraft auszubauen. Wann steht die erste Anlage auf Ihrem Hof und was sagen Sie Windkraftgegnern, die sich an der Ästhetik der Anlagen stören?

Ich erzeuge auf dem Bauernhof nachwachsende Rohstoffe zum Verkauf an eine Biogasanlage. Das Haus heizen wir mit eigenem Brennholz. Windkraftanlagen sind notwendig, um die Energieversorgung zu verbessern, wenngleich wir zusätzlich Grundlast wie Biogas oder fossile Energieträger brauchen. Es geht hierbei nicht um Ästhetik, sondern um Nutzen.

Ihre Prognosen für die Zukunft: Wann ist Bayern unabhängig von Energielieferungen, zum Beispiel aus Russland?

Als dicht besiedeltes Industrieland mit wenig eigenen Rohstoffen sind wir auf Energie- und Rohstoffimporte angewiesen. Hierbei sind wir gezwungen, uns die lupenreinsten Demokraten auszusuchen, sofern wir genügend finden. Wir werden auch weiterhin auf Energieimporte wie grünen Wasserstoff angewiesen sein. Hier sollten wir nicht wieder in neue einseitige Abhängigkeiten geraten. Wir werden gut daran tun, den Wasserstoff aus einer Vielzahl von Ländern zu beziehen.

Bayern waren immer erfinderisch, Kühlschrank (Carl von Linde), Babynahrung (Hipp) oder MP3-Technologie (Fraunhofer-Institut Erlangen), Schraubstollen für Fußballschuhe (Adi Dassler) sind dazu nur ein paar Schlagwörter. Was wird der nächste Exportschlager aus Bayern?

Bei den Wasserstofftechnologien werden wir ganz vorne mitspielen. BMW hat gerade seine erste Kleinserie von Brennstoffzellenautos auf die Straße gebracht, in den nächsten Jahren werden mit unserem neuen Förderprogramm Elektrolyseure zur H2-Produktion in ganz Bayern entstehen. Dazu sind wir stark in einer Reihe von europäischen Industrieprojekten vertreten. Der ungefährliche Transport von Wasserstoff in einer öligen Flüssigkeit, auch LOHC genannt, ist eine bayerische Erfindung aus Erlangen und wird die Wasserstoff-Logistik revolutionieren. Dann ist da noch das von mir ins Leben gerufene bayerisches Wasserstoffbündnis: Nach drei Jahren hat es schon über 300 Mitglieder. Hier haben wir ein ungemeines Innovationspotenzial versammelt, das die Welt bewegen wird.

Interview: Wolfgang de Ponte

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