Ernst Rauch besucht als Chef-Klimatologe des Münchner Rückversicherers Munich Re seit Jahren UN-Klimakonferenzen, zuletzt war er im ägyptischen Scharm el Scheich. Wir sprachen mit dem Geophysiker über seine Eindrücke und die wachsenden Risiken infolge des Klimawandels.
Warum schickt die Munich Re ihren Chef-Klimatologen regelmäßig zu internationalen Klimakonferenzen?
Dafür gibt es drei Gründe: Zum einen nehmen wir Risiken auf unsere Bilanz, die etwa aus den Folgen von Überschwemmungen, Stürmen oder Dürren entstehen. Wenn sich im Zuge des Klimawandels Häufigkeit und Intensitäten der Wetterereignisse verändern, müssen wir das verstehen.
Und der zweite Grund?
Wir müssen im Rahmen unseres Geschäftsmodells verstehen, in welche Richtung sich die Politik entwickelt. Etwa, wenn es um die politischen Ziele zur Vermeidung von Treibhausgasemissionen geht. Entscheidend waren dafür beispielsweise die Klimakonferenzen in Kyoto 1997 und in Paris 2015. In Paris wurde bekanntlich vereinbart, dass die globale Durchschnittstemperatur verglichen mit dem vorindustriellen Zeitalter bis 2050 auf maximal zwei Grad steigen soll, besser sogar nur auf 1,5 Grad.
Sie besuchen die Konferenzen in allererster Linie als Beobachter?
Mit Blick auf die ersten beiden Gründe, ja. Aber als weltgrößte Rückversicherung sind wir auch aktiver Diskussionsteilnehmer. Das ist der dritte Grund, warum wir Klimakonferenzen besuchen. Munich Re ist zum Beispiel Mitglied in mehreren Organisationen, die das Ziel haben, für Entwicklungs- und Schwellenländer Finanzlösungen zu entwickeln, um dort die Versicherungslücke zu schließen.
Was ist in diesen Ländern anders?
Typischerweise leiden Entwicklungs- und Schwellenländer am meisten unter den Folgen des Klimawandels, nur leider können sie sich am wenigsten anpassen. Munich Re hilft, die Klimarisiken für diese Länder abzufedern über Versicherungslösungen im Rahmen von öffentlich-privaten Partnerschaften.
Als Rückversicherer können Sie typischerweise nur dann ein Risiko übernehmen, wenn jemand davor eine Prämie bezahlt hat. Woher kommt das Geld?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel, wie das funktionieren kann: Die Staaten der Karibik, die stark von Hurrikanen bedroht sind, haben vor Jahren einen Pool gegründet. In diesen Pool zahlen diese Staaten selbst Geld ein, um sich gegen die Risiken aus dem Klimawandel abzusichern. Zusätzliche Gelder kommen aus internationalen Fördertöpfen. Im Schadensfall wird aus diesem Pool das Geld an die Regierungen ausgezahlt. Der Pool wird öffentlich-privat verwaltet, Munich Re trägt einen Teil der Schadenzahlungen. Ähnliche Modelle gibt es auch in Teilen Afrikas, dort geht es insbesondere um die Absicherung gegen Dürren.
Um das Risiko kalkulieren zu können, brauchen Sie eine Idee davon, wie sich das Klima entwickelt. Mit welchem Temperaturanstieg rechnen Sie bis zur Jahrhundertmitte?
Wir beobachten, dass die Treibhausgasemissionen im Jahr 2022 weiter angestiegen sind. Schreiben wir die Gegenwart fort, kommen wir bis 2050 auf etwa zwei Grad plus verglichen mit dem vorindustriellen Zeitalter. Das heißt: Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird unsere Generation die zwei Grad noch erleben.
Mit welchen Wetterextremen rechnen Sie in einem Zwei-Grad-Szenario?
Eine Zwei-Grad-Welt ist etwas, was die Menschheit noch nie erlebt hat. Wir hätten also eine Situation, von der wir gar nicht wissen, wie sie aussieht. Wie wird sich die Biosphäre ändern? Wie ändert sich der Wasserkreislauf? Was bedeutet das Abschmelzen der Inlandseismassen in der Antarktis und auf Grönland? Wie ändert sich der Golfstrom? Die Wissenschaft geht bei zwei Grad davon aus, dass sich die Wahrscheinlichkeit von Kipppunkten in unserer Biosphäre deutlich erhöht. Das sind irreversible Veränderungen in unseren Ökosystemen, die das Potenzial haben, langfristig zu schwerwiegenden Folgen für die Menschheit zu führen.
Geht das konkreter?
Beispielsweise würde eine Verlangsamung der Geschwindigkeit des Golfstroms – bedingt durch die Salzwasserverdünnung abschmelzender Grönlandgletscher – erhebliche Auswirkungen auf das Klima mindestens in weiten Teilen Europas haben. Das Problem ist, dass wir einfach nicht wissen, wie eine Zwei-Grad-Welt aussähe. Manche erwarten bei zwei Grad apokalyptische Entwicklungen – das wiederum sehe ich nicht, auch das muss man ganz klar sagen. Es kann schon sein, dass es uns als Menschheit gelingt, uns hinreichend gut und schnell an die neuen Klimabedingungen anzupassen. Aber das sind alles keine Prognosen. Das sind denkbare Szenarien. Sie basieren auf wissenschaftlicher Erkenntnis. Daher halte ich es unverändert für wichtig, dass wir unter den zwei Grad bleiben – für eine zwei Grad wärmere Welt fehlt uns einfach die Erfahrung.
Verstehen Sie, dass sich angesichts dieser Unsicherheit Aktivisten auf Kreuzungen kleben und Landebahnen an Flughäfen blockieren?
Ich verstehe es bestens, dass insbesondere die junge Generation mit ihren verschiedenen Gruppierungen das Thema Klimawandel in den vergangenen Jahren so in den Vordergrund gestellt hat. Diese Generation muss mit den bestehenden Unsicherheiten fertig werden, und der Klimawandel zählt zu den größten langfristigen Risiken, die wir aktuell haben. Nachdem man heute nicht weiß, wie die Risiken sind, ist es absolut richtig, wenn junge Menschen sagen: Wir wollen mit diesen Unsicherheiten nicht leben, tut bitte etwas, damit wir nicht in einigen Jahrzehnten in eine Situation kommen, von der wir nicht wissen, ob sie für uns gut ausgeht. Was aber letztlich die konkrete Protestform angeht, kann man unterschiedlicher Auffassung sein. Der Zweck heiligt nicht die Mittel und rechtfertigt keine Gesetzesverstöße. Ich bin übrigens davon überzeugt, dass viel mehr Innovationen und technischer Fortschritt nötig sind, um den Klimawandel zu bekämpfen.
Ist eine Zwei-Grad-Welt überhaupt noch versicherbar?
Die Frage ist nicht, ob diese Welt versicherbar ist – sondern zu welchen Kosten sie versicherbar ist. Wenn sich Risiken verändern, beispielsweise Überschwemmungen häufiger und stärker werden, dann steigt das Risiko – und damit auch die Kosten. In Deutschland haben wir das nach der Flut im Ahrtal gesehen, danach haben Versicherungen Prämien erhöht.
Nüchtern betrachtet ist der Klimawandel für die Versicherungswirtschaft also kein Problem, weil sie einfach die Prämien immer weiter erhöhen kann?
Genau das stimmt eben nicht. Irgendwann könnten wir an einen Punkt kommen, an dem die Versicherungsprämien so hoch sind, dass sich ein Vertragsabschluss einfach nicht mehr lohnt.
Wie lässt sich dieses Dilemma lösen?
Schon jetzt beobachten wir etwa in den USA, dass der Staat wegen der starken Hurrikans Versicherungsprämien subventioniert. Anders gesagt: In Industrieländern wird der Klimawandel zunehmend zu einer sozialen Frage, die nur politisch gelöst werden kann. Das beobachten wir auch im Ahrtal: Hier wird wieder aufgebaut – und zwar mit staatlicher Hilfe.
Sind Überflutungen wie im Ahrtal der neue Normalzustand?
Ja. Wer die Augen davor verschließt, hat eine Lücke im Risikomanagement, um es einmal vorsichtig zu sagen. Im Ahrtal war der versicherte Schaden viermal so hoch wie der zweitgrößte Versicherungsschaden aus einer Naturkatastrophe in Deutschland, das waren die Überschwemmungen 2013.
Was macht Sie so sicher, dass die Flut im Ahrtal kein statistischer Ausreißer war?
Weil wir solche Sprünge weltweit beobachten, das sehen wir in unseren eigenen Datenbanken. Nehmen wir beispielsweise die Waldbrände in Kalifornien: Früher lag der versicherte Schaden jedes Jahr zwischen einer und drei Milliarden Dollar. Bei den Waldbränden 2017 ist der versicherte Schaden auf einmal um mehr als den Faktor fünf nach oben gesprungen. Auch 2018 lagen wir etwa auf diesem Niveau.
Gilt das auch für die Hurrikans in den USA?
Da ist es ähnlich. Bei den Hurrikans hatten wir eine solche neue Dimension bereits 2005 mit Katrina, das waren damals 60 Milliarden versicherter Schaden. Dieses Jahr werden wir bei Hurrikan Ian vermutlich bei einer ähnlichen Schadenshöhe herauskommen. Der Anteil der besonders starken Hurrikans an der Gesamtanzahl der Hurrikans nimmt tendenziell zu. Und sie sind vor allem nässer geworden. Das führt zu mehr Sekundärschäden durch Überschwemmungen. Was die Schadensprämie angeht, haben übrigens auch die Überschwemmungen in Australien in diesem Jahr eine neue Höchstmarke erreicht.
Was heißt das für die nahe Zukunft?
Wir werden in den kommenden Jahren Ereignisse sehen, zu denen wir keine historischen Vergleiche mehr haben. Das, was man sich gerne nicht vorstellen mag, wird Realität. Wir müssen vorbereitet sein – und wir müssen uns alle an diese neue Wirklichkeit anpassen.
Interview: Sebastian Hölzle