Deutschland droht eine Streikwelle

von Redaktion

VON CHRISTIAN EBNER, MATTHIAS ARNOLD UND KATHARINA REDANZ

Fulda – Die Bürger müssen sich im Bahnverkehr wie auch in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens in diesem Frühjahr auf Einschränkungen einstellen: In der Bahnbranche und im öffentlichen Dienst stehen Tarifverhandlungen an – frühe Warnstreiks nicht ausgeschlossen. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) stellte gestern ihre Forderungen vor, mit denen sie ab Ende Februar in die Verhandlungen mit der Deutschen Bahn und 50 weiteren Bahnunternehmen gehen will. EVG-Chef Martin Burkert hatte bereits ein „sehr hitziges Frühjahr“ in Aussicht gestellt.

Die EVG will für die Bahn-Beschäftigten mindestens 650 Euro mehr im Monat durchsetzen. Die Tarifkommissionen der Gewerkschaft beschloss am Dienstag in Fulda den Mindestbetrag, um die unteren Gehälter überproportional anzuheben. Bei den höheren Entgelten will die Gewerkschaft eigenen Angaben zufolge eine Steigerung um zwölf Prozent erreichen. Für die Nachwuchskräfte fordert die EVG 325 Euro.

„Das sind die Forderungen, die für alle 50 Unternehmen gelten“, sagte gestern EVG-Verhandlungsführerin Cosima Ingenschay. „Angesichts enorm gestiegener Energie- und Lebenshaltungskosten muss die Lohnerhöhung deutlich ausfallen.“

Mit ihren Vorstellungen liegt die EVG oberhalb der Forderung, die Verdi für den öffentlichen Dienst beim Bund und den Kommunen erhebt. Hier stehen 10,5 Prozent, mindestens aber 500 Euro auf dem Zettel.

Die EVG machte gestern deutlich, dass sie Warnstreiks früh in Betracht zieht. Verhandlungsauftakt ist am 28. Februar mit der Deutschen Bahn in Fulda.

„Eine Verhandlungsrunde dauert ja relativ lange“, betonte Ingenschay. „Deshalb haben wir definitiv keine Zeit für Tariffolklore und wollen direkt zu Beginn, bei den Auftakttarifverhandlungen, ein Angebot sehen.“ Sollte dieses ausbleiben, werde es „ganz schnell gehen“, sagte EVG-Tarifvorstand Kristian Loroch mit Blick auf mögliche Warnstreik-Aktionen.

Dabei will sich die EVG eng mit Verdi abstimmen. Auch im öffentlichen Dienst wollen beide Seiten voraussichtlich bis Ende März über die Einkommen von rund 2,5 Millionen Beschäftigten verhandeln. Sollte es keine Einigung geben, könnte es auch dort zu Streiks kommen. Betroffen wären etwa Müllabfuhren, der öffentliche Nahverkehr, Kitas und Feuerwehren.

Bei der Deutschen Post wird bereits gestreikt: Kurz vor der Fortsetzung der Tarifverhandlungen hatte Verdi gestern den Arbeitskampf verschärft und die Zustellung von Millionen Briefen und Paketen ausgebremst. Insgesamt beteiligten sich nach Gewerkschaftsangaben gestern bundesweit rund 15 000 Postmitarbeiter an den Warnstreiks, fast doppelt so viele wie am Montag. Die Post nannte 14 000 Streikende.

Nach Unternehmensangaben blieben durch den Arbeitskampf in den Brief- und Paketzentren und bei der Zustellung am Dienstag über fünf Millionen Briefe und mehr als eine Million Pakete liegen. Das entspreche rund 20 Prozent der durchschnittlichen Tagesmenge bei Paketsendungen und rund 11 Prozent bei Briefsendungen. Mit dem Arbeitskampf will die Gewerkschaft ihren Forderungen Nachdruck verleihen. Verdi fordert 15 Prozent mehr Lohn und Gehalt für die rund 160 000 Tarifbeschäftigten im Bereich Post & Paket Deutschland.

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