Machtkampf um die Thiele-Milliarden

von Redaktion

VON MATTHIAS SCHNEIDER

München – Er galt lange als einer der reichsten Deutschen: Heinz Hermann Thiele hat sich beim damals unbedeutenden Industriebetrieb Knorr-Bremse hochgearbeitet und mit eigener Arbeit ein Milliardenvermögen angehäuft. Bekannt wurde er unter anderem durch seine Beteiligungen am Bahntechnik-Anbieter Vossloh und zuletzt der Lufthansa, wo er während der Corona-Krise teilweise 15 Prozent der Anteile hielt.

Doch seit seinem Tod 2021 gibt es ein erbittertes Ringen um Thieles Erbe von geschätzt 15 Milliarden Euro. Eigentlich hatte der Patriarch einen Plan für seinen Nachlass, wie das „Manager Magazin“ berichtet:

Tochter Julia Thiele-Schürhoff, die auch für den Konzern arbeitet, behält 17 Prozent der Knorr-Bremse-Aktien. Gestern war dieses Paket gut 1,8 Milliarden Euro wert. Witwe Nadia Thiele, seine zweite Frau und Stiefmutter von Julia, hält ein Immobilienpaket von geschätzt einer Milliarde Euro. Der Löwenanteil des Thiele-Vermögens, 50,09 Prozent an Vossloh, 42 Prozent an Knorr-Bremse und diverse kleinere Beteiligungen, darunter die verbleibenden Lufthansa-Scheine, sollen in eine Stiftung übergehen. Aus deren Vermögen soll eine jährliche Dividende an Thieles Frau, Tochter und Enkel ausgezahlt werden.

Hier kommt der Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Robin Brühmüller ins Spiel, der von Heinz Thiele als Vermögensverwalter eingesetzt wurde. Denn seine Aufgabe ist es, die Stiftung aufzusetzen – wofür er dem Bericht nach eine Generalvollmacht hat. Damit ist er im Grunde niemandem Rechenschaft schuldig.

Geplant ist ein dreiköpfiger Stiftungsvorstand: Robin Brühmüller, Julia Thiele-Schürhoff – und ein bisher unbekannter Dritter. Für Witwe Nadia ist lediglich ein Platz im Kontrollgremium, dem Stiftungsrat, vorgesehen.

Hier liegt der Hase im Pfeffer: Laut einem „Spiegel“-Bericht ist der Stiftungsrat relativ machtlos, Witwe Nadia wird damit weitgehend von der Kontrolle über das Thiele-Vermögen ausgeschlossen. Das will die 46-Jährige nicht auf sich sitzen lassen: Sie hat jetzt den Freistaat Bayern verklagt, genauer dessen Stiftungsaufsicht. Denn die hatte Anfang Dezember vergangenen Jahres die Stiftungspläne von Testamentsvollstrecker Brühmüller gebilligt – und damit die Ambitionen der Witwe entschieden gefährdet.

Für Nadia Thiele verstößt das gegen den letzten Willen ihres Mannes: Dieser hätte sich explizit einen starken Stiftungsrat mit unabhängigen Mitgliedern gewünscht.

Vertreten wird Nadia Thiele dabei vom Münchner Anwalt und Ex-CSU-Politiker Peter Gauweiler. Dessen Kanzlei hatte bereits vergangenes Jahr Ermittlungen gegen Testamentsvollstrecker Brühmüller angestoßen: Sein Honorar von 225 Millionen Euro sei überhöht und durch Betrug erschlichen, in den Augen Nadia Thieles vollkommen überzogen für ein Mandat von fünf Jahren.

Brühmüller zieht dagegen die Rheinische Tabelle heran, in der Notarhonorare geregelt werden. Für große Summen wird hier ein Anteil von 1,5 Prozent der Erbmasse ausgewiesen – beim Thiele-Vermögen eben ein Millionenbetrag.

Doch die Gegenseite zweifelt an, dass der Patriarch wusste, was genau das bedeutet: Für seine Sparsamkeit bekannt, hätte Thiele dieser Summe nie zugestimmt.

Mit dieser Argumentation versuchte Gauweiler vor dem Nachlassgericht Brühmüllers Absetzung als Nachlassverwalter zu erreichen. Dem „Spiegel“-Bericht zufolge wies ein Sprecher Brühmüllers die Vorwürfe als „haltlos“ zurück, auch das Nachlassgericht stellte sich gegen eine Enthebung. Das Verfahren ist gerade zur Revision beim Oberlandesgericht.

Damit kämpft Nadia Thiele auf zwei Schlachtfeldern: Entweder gelingt es ihr, den ungeliebten Verwalter wegen seines astronomischen Honorars abzusetzen – oder seinen Handlungsspielraum über den Stiftungsrat einzuschränken.

Eine gänzlich neue Wendung könnte der Fall allerdings durch Henrik Thiele bekommen: Der Sohn Heinz Thieles aus erster Ehe hatte 2017 für eine vergleichsweise bescheidene Summe von 25 Millionen Euro auf seinen Pflichtteil verzichtet. Jetzt will er die Vereinbarung widerrufen – sein Vater hätte ihn damals unter Druck gesetzt.

Kürzlich ist er vor dem Landgericht München I mit seiner Klage gescheitert – und in Revision gegangen. Klagewert: 4,5 Milliarden Euro, fast ein Drittel des Thielschen Vermögens.

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