Frankfurt/München – Es ist gerade einmal vier Monate her. Da geriet Eyyup Kurkan am Frankfurter Hauptbahnhof in die bisher gefährlichste Situation seines Berufslebens. Der 40-Jährige gehört zum Sicherheitspersonal der Deutschen Bahn. Ein Besucher des Bahnhofs rauchte in einer Rauchverbotszone. „Wir haben ihn freundlich darauf angesprochen“, erinnert er sich. Dann rastete der Angesprochene aus. „Ohne mit uns zu sprechen, hat er uns angespuckt , beleidigt und mir einen Faustschlag an die Schläfe versetzt“, sagt Kurkan. Schließlich nahm der Täter einem Gehbehinderten die Krücken weg und ging damit auf die Sicherheitsleute und die herbeigeeilte Bundespolizei los. Die Polizisten mussten sogar die Schusswaffen zücken, um dem Angriff zu beenden.
Der Vorfall ist zwar außergewöhnlich aggressiv, aber beileibe kein Einzelfall. Im Gegenteil. Immer häufiger gerät das Bahnpersonal in den Zügen oder am Bahnhof in bedrohliche Situationen. Die psychische Belastung daraus steigt bei den Beschäftigten an. „Wir sind ja auch nur Menschen“, sagt Kurkan, der die Betreuung durch Psychologen in solchen Fällen lobt. „Wir bekommen starke Rückendeckung“, betont er.
Das ist auch nötig, wie die Auswertung des Tatgeschehens im vergangenen Jahr belegt. 3138 Übergriffe auf Bahnmitarbeiter registrierte das Unternehmen. Gegenüber dem Vorjahr stieg die Zahl der Taten um 20 Prozent an. Zwar ist der größte Teil der Vorfälle leichten Körperverletzungen zuzurechnen. Da wird das Personal zum Beispiel angerempelt, geschlagen oder angespuckt. Doch 189 Taten enden mit schweren Körperverletzungen. „Am stärksten betroffen sind die Kundenbetreuer im Regionalverkehr“, berichtet Hans-Hilmar Rischke, Chef der Konzernsicherheit bei der Deutschen Bahn. Jeder zweite Angriff ereignet sich in einem Regionalzug oder Bus.
Vor allem die Corona-Pandemie hat offenbar dazu beigetragen. Das zeigt auch die Statistik. Ein Drittel der Übergriffe im vergangenen Jahr begann, als Bahnbeschäftigte Corona-Schutzmaßnahmen durchsetzen wollten. Auch das 9-Euro-Ticket steigerte das Konfliktpotenzial durch den Stress in übervollen Zügen und auf den Bahnsteigen. Ein weiterer Grund ist der wieder wachsende Reiseverkehr von Fußball-Fans. Hier gibt es von einzelnen Gruppen gezielte Aktionen. Da würden zunächst die Kameras in den Regionalzügen abgeklemmt oder mit Farbe untauglich gemacht. Anschließend zertrümmern die Hooligans den Zug und verschwinden.
Oft reichen Passagieren bereits Kleinigkeiten, um auszuflippen. „Schon Hinweise auf Rauchverbot oder das Freihalten von Eingangstüren und Fluchtwegen führen mitunter zu Attacken“, heißt es im Konzernbericht. Aber auch Trunkenheit führt zu mehr Aggressivität, ebenso eskaliert mitunter die Kontrolle der Fahrkarten. Doch selbst leichte Vergehen will die Bahn nicht hinnehmen. „Jede Form der Gewalt gegen unsere Mitarbeitenden ist inakzeptable“, sagt Rischke. So werde jeder Fall auch zur Anzeige gebracht. Die verbale Gewaltbereitschaft ist quer durch die Bevölkerung gestiegen. „Es gibt keine Grenzen mehr“, beobachtet Ralf Damde, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der DB Regio, „ob Deutscher oder Migrant, alt oder jung, Mann oder Frau“. Für einen Übergriff reiche oft schon die Frage nach dem Fahrschein. Das Personal steht dann häufig alleine da. Denn es schauen viele weg, wenn sich eine Situation zuspitzt. „Das A und O ist Zivilcourage“, sagt Rischke, „Mitreisende dürfen nicht wegsehen, sondern müssen hinschauen, etwas sagen oder wenigstens einen Notruf absetzen“. Immerhin schreckt die Videoüberwachung manch wütenden Fahrgast ab. In den Regionalzügen sind rund 50 000 Kameras installiert. Weitere 9000 überwachen die Bahnhöfe. Doch in vielen Fällen wirkt die Abschreckung nicht, etwa bei Betrunkenen.
Auch wenn die Zahl der Übergriffe angesichts von 21 Millionen Reisenden am Tag gering erscheint, nimmt der Konzern das Thema sehr ernst. 180 Millionen Euro gibt das Unternehmen jährlich für den Schutz von Beschäftigten und Kunden aus. Allein 4300 Sicherheitskräfte fahren in den Zügen mit oder schauen an den Stationen nach dem Rechten. Dazu kommen noch 5500 Bundespolizisten.
Maskenpflicht, volle Züge durch 9-Euro-Ticket und schwache Nerven
Oft reichen Kleinigkeiten wie ein Hinweis aufs Rauchverbot