München – Eine überraschende Produktionskürzung aus dem Kreis der Ölallianz Opec+ hat für Wirbel am Ölmarkt gesorgt. Ab Mai soll die Fördermenge um 1,66 Millionen Barrel (je 159 Liter) sinken – etwa 1,6 Prozent der globalen Ölproduktion. Die Entscheidung von Ölstaaten der Opec+ hat einen Höhenflug der Ölpreise ausgelöst. In der Opec+ sind Staaten des Kartells und andere Förderländer, darunter Russland, zusammengeschlossen. Allein Saudi-Arabien will seine Ölproduktion um täglich 500 000 Barrel senken. Einen wesentlichen Beitrag zur Kürzung der Fördermenge kommt auch vom Irak mit einem Rückgang um 211 000 Barrel pro Tag.
Weshalb kürzen die Opec-Länder?
„Ich sehe darin vor allem eine Reaktion auf die zuletzt gefallenen Preise: Mitte März kostete das Fass rund 70 Dollar“, erklärt Sören Hettler, Rohstoffanalyst bei der DZ-Bank, dem Spitzeninstitut der Volks- und Raiffeisenbanken. Angesichts globaler Rezessionsängste waren die Preise in den vergangenen Wochen deutlich gefallen. „Die Opec+ hat öfter deutlich gemacht, dass sie mit einem Preis unter 80 Dollar unzufrieden ist“, so Hettler.
Wird Rohöl jetzt teurer?
„Die Preise sind wieder auf über 85 Dollar gestiegen. Das ist ein Niveau, das die Opec+ akzeptieren kann – weitere Schritte sind also derzeit nicht zwingend“, so DZ-Bank-Analyst Hettler. „Dieses Preisniveau beobachten wir schon seit mehreren Monaten, für Endverbraucher dürfte sich kurzfristig also nicht viel ändern.“ Mittelfristig rechnet Hettler jedoch mit strukturell höheren Preisen: „Da die chinesische Wirtschaft sich erholt, bleiben wir bei unserer Prognose: Bis Juli dürften die Preise auf 95 Dollar steigen, bis Oktober auf 100.“ Hier sieht er die Grenze: „Deutlich teurer dürfte es nur bei weiteren Förderkürzungen werden.“ Dieser strukturelle Anstieg könnte die Inflation wieder anheizen und die Notenbanken unter Umständen zu aggressiveren Zinsschritten veranlassen.
Was ist mit Heizöl und Diesel?
Heizöl und Diesel werden aus Gasöl hergestellt, also bereits raffiniertem Rohöl. In den vergangenen Wochen wurden große Mengen aus Russland nach Europa geschifft, weil im April noch eine Übergangsfrist für das Embargo läuft. Oliver Klapschus, Sprecher des Vergleichsportals Heizöl24: „Die Gasölpreise in Europa haben deutlich schwächer reagiert als das Rohöl. Das liegt daran, dass wir physisch noch mehr als genug Öl-Destillate in Europa haben.“ Laut DZ-Bank dürfte sich der Mangel hier erst ab Mai bemerkbar machen. Die Gasölspeicher sind Puffer: „Die Rohölpreise schlagen sich erst zeitverzögert auf die Heizöl- und Dieselpreise durch“, so Klapschus. Die Verbraucherpreise sind jedoch gestiegen: „Die Heizölpreise sind aber seit Sonntag von 97 auf 101 Cent pro Liter gesprungen. Das ist käuferseitig bedingt: Die Heizölkunden rennen uns förmlich die Tür ein.“
Was sollten Heizölkunden tun?
„Ich sehe eine 50/50-Chance: Weil gerade etwas Panik herrscht, wir aber noch viel billiges Gasöl haben, kann es sich in den nächsten Tagen wieder beruhigen“, so Klapschus. „Jetzt kommt erst mal der Sommer: Theoretisch hat man bis September Zeit, auf niedrigere Preise zu spekulieren.“ Mittelfristig gilt: „Das Rohöl hängt von der Weltkonjunktur ab: Erholt sie sich, steigen die Preise. Kommt es zur Rezession, sinken sie wieder. Wir haben gerade eine sehr spannende, unsichere Marktlage.“ Zusammengefasst: Auf niedrigere Preise spekulieren ist möglich. Wer sich Preise deutlich über einem Euro pro Liter nicht leisten möchte, sollte sich jetzt noch absichern. Erholt sich die Weltwirtschaft wie erwartet, könnten die Preise ab Mai strukturell steigen.