München – Etwa jeder fünfte Deutsche investiert in Aktien, Aktienfonds oder ETFs. Das klingt viel, doch bedeutet im Umkehrschluss, dass acht von zehn Bundesbürgern immer noch einen Bogen um die Börse machen. Und die, die dort investieren, machen Fehler – zum Beispiel, indem sie sich viel zu stark auf deutsche Werte im Leitindex Dax konzentrieren. Woran liegt das? Und was kann man besser machen? Das haben wir Jesper Wahrendorf und Chris Hofmann vom amerikanischen ETF-Pionier Vanguard gefragt. Mit rund sieben Billionen Euro Kapital ist Van-guard der zweitgrößte Vermögensverwalter der Welt.
Frau Hofmann, Herr Wahrendorf, es interessieren sich wieder mehr Deutsche für Aktien. Meist investieren sie aber in einzelne Titel oder in den Leitindex Dax. Eignet sich der denn für die Altersvorsorge?
Wahrendorf: Überspitzt gesagt: Der Dax könnte auch ein Industrie- und Autoindex sein. Unter den 40 Aktien dort sind alleine drei aus der Siemens-Familie, zwei von VW und zwei von Mercedes. Erfolgsfirmen wie der Impfstoffhersteller Biontech fehlen, das deutsche Unternehmen ist in den USA gelistet. Ist das wirklich die ganze deutsche Wirtschaft? Da würde ich ein Fragezeichen setzen. Und während Technologieriesen wie Google, Apple oder Amazon weltweit in den letzten Jahren für die meisten Gewinne am Aktienmarkt verantwortlich waren, hat der Dax hier als Technologiewert alleine SAP zu bieten.
Das heißt, wer in den Dax investiert, verpasst etwas?
Wahrendorf: Wer vor zehn Jahren 10 000 Euro in den Dax investiert hätte, hätte bis heute daraus rund 20 000 Euro gemacht. Beim amerikanischen S&P 500 wären es aber fast 30 000 geworden, bei globalen Aktien ähnlich viel und beim Technologieindex Nasdaq sogar 50 000 – vor Dividenden und Währungseffekten. Es lohnt sich, über den Tellerrand hinauszublicken.
Wieso bleiben deutsche Anleger dann so gerne bei deutschen Aktien?
Hofmann: Weil sie die deutschen Unternehmen kennen und sich damit identifizieren können. Wenn sie wissen wollen, wie sich die Börse entwickelt, schauen sie auch nur auf den Dax als Börsenbarometer. Dabei entwickeln sich die globalen Märkte oft besser und US-Konzerne sind dafür viel entscheidender. Ich will absolut nicht sagen, dass der Dax ein schlechter Index ist. Mit ihm führt man die Deutschen an die Börse heran. Auch wir hatten mal einen Dax-ETF im Programm, den wir allerdings durch ein FTSE Germany All Cap Germany ETF ersetzt haben, der momentan 162 statt wie der Dax 40 deutsche Aktien umfasst. Wer Geld für das Alter anlegen will, sollte sich aber nicht auf Aktien aus dem Heimatland beschränken.
Ist diese Heimatliebe beim Anlegen in anderen Ländern ähnlich ausgeprägt?
Wahrendorf: In England oder Frankreich ist sie deutlich geringer. Dort ist man bei der Finanzbildung viel weiter, dagegen steckt Deutschland noch in der Riester- und Rürup-Zeit fest. Der Markt ist hier immer noch geprägt vom Provisionsvertrieb. Deshalb sorgt man oft mit Produkten für das Alter vor, die nicht sehr ertragreich sind und hohe Vertriebskosten haben. Vor dem Kapitalmarkt haben viele Deutschen dagegen Scheu. Und staatlich gefördert wird die langfristige Geldanlage in Aktien hier auch nicht, der Steuerfreibetrag liegt dafür bei 1000 Euro im Jahr. Da lachen die Briten nur. Genau deshalb gelten die Deutschen in Europa weithin zwar als die besten Sparer, aber als die schlechtesten Investoren.
Die Deutschen haben sich auch mit den Aktien von Telekom oder Wirecard eine blutige Nase geholt.
Wahrendorf: Das ist ein weiteres Dilemma: Sie haben sich immer dann an Aktien herangewagt, wenn der Markt überhitzt war. Und: Sie investieren oft nicht langfristig, sondern versuchen sich an Markttiming. Das scheitert in den allermeisten Fällen. Beim Corona-Crash sah man das gut. Dort haben 90 Prozent unserer rund 30 Millionen US-Kunden nichts gemacht und sind damit gut gefahren. Die zehn Prozent, die verkauft haben, sind später mit im Schnitt circa 30 Prozent Verlust wieder eingestiegen.
Was würden Sie den Deutschen raten?
Hofmann: Hype-Themen fernbleiben, langfristig investieren, diszipliniert dranbleiben und vor allem möglichst breit gestreut anlegen.
Das machen auch immer mehr Menschen hier.
Wahrendorf: Ja, vor allem mit ETF-Sparplänen. Das ist einfach eine neue Form des Sparens, deshalb liegt das den Bundesbürgern wohl näher als zum Beispiel eine Einmalanlage. Falsch ist das trotzdem nicht, im Gegenteil. Es macht Sinn, Monat für Monat Geld in ETFs anzusparen. So widersteht man auch der Versuchung, klassische Fehler zu begehen, zum Beispiel in Crashs zu verkaufen oder auf gehypte Branchen zu wetten.
Ab welcher Sparrate lohnt sich ein Sparplan?
Hofmann: Man sollte früh anfangen, auch wenn die Sparrate dann klein ist. Denn der Zinseszins wirkt über lange Zeit besonders stark. Selbst wenn man zunächst nur 20 Euro im Monat anlegen kann – das sind vier Kaffee to go –zahlt sich das langfristig aus.
Und welchen Index empfehlen sie? Wohl nicht den Dax, wenn ich Sie richtig verstanden habe.
Hofmann: Zum Vermögensaufbau eignen sich vor allem globale Aktien-ETFs, weil man Risiken mit ihnen am besten streut und viele spannende Unternehmen, Länder und Branchen ins Depot bekommt. Sie sind so etwas wie das Schweizer Taschenmesser der Geldanlage. Bestes Beispiel: Der FTSE All World. Er ist mit über 4100 Werten aus fast 50 Industrie- und Schwellenländern mit Abstand das breiteste Produkt am Markt, noch breiter als der MSCI All Country World, in dem 2900 Aktien sind.
Trotzdem setzen viele andere Anbieter auf globale Aktienindizes von MSCI. Sie nicht. Weshalb?
Anders als im Index von MSCI sind auch viele kleine Unternehmen im FTSE-Index. Seine Wertentwicklung ist nahezu identisch mit der des MSCI World, die Kosten sind aber geringer. Der Index ist also keinesfalls schlechter, eher im Gegenteil. Er ist bisher nur noch nicht so bekannt wie der MSCI World.
Egal ob MSCI World oder FTSE All World: Auch in globalen Aktienindizes gibt es Klumpenrisiken, zum Beispiel die Techriesen, die Sie vorhin erwähnt haben.
Hofmann: Indexfonds haben klare Regeln zur Titelauswahl. Man kann jeden Tag sehen, welche Aktien in welchem Umfang im Produkt sind. Diese Regeln ermöglichen, dass Unternehmen je nach Börsenwert größeres und kleineres Gewicht einnehmen. So haben die Technologieaktien mit ihrem Aufstieg an der Börse ein immer größeres Gewicht in globalen Aktienindizes bekommen, seit ihrem Crash im letzten Jahr ist es aber gesunken. Die wichtigsten Branchen haben automatisch das größte Gewicht. Indizes sind also nicht starr, sondern verändern sich und passen sich an. Man nimmt deshalb mit globalen Aktienindizes immer am Aufstieg der Zukunftsbranchen teil.
Und was ist mit Themen-ETFs? Sind die auch einen Kauf wert?
Hofmann: Trends kommen und gehen. Deshalb kann man mit solche Themen-ETFs aus meiner Sicht bestenfalls mal zocken, aber nicht mit ruhigem Gewissen für das Alter vorsorgen. Trendthemen wie Wasserstoff, Impfstoffe oder im Moment Rüstung sind außerdem in globalen ETFs enthalten, nur eben in viel geringerem Maße. Das bietet Chancen, hält aber die Risiken im Rahmen. Außerdem sind die Gebühren für Themenfonds und -ETFs in der Regel ziemlich hoch.
Apropos Kosten: Wie wichtig sind die den Anlegern eigentlich?
Hofmann: Wir haben dazu gerade eine Umfrage gemacht. In England gingen die Anleger davon aus, dass ihr Investment 1,7 Prozent Gebühr kostet. In Wahrheit waren es sogar nur 1,6 Prozent. Auf der Insel hat man die Kosten also gut im Blick. Die Deutschen glaubten dagegen, sie zahlen 1,6 Prozent Gebühr, in Wahrheit waren es aber 2,6 Prozent. Deutsche Anleger zahlen also im Vergleich nicht nur hohe Gebühren, sondern wissen das nicht einmal. Dabei ist es so wichtig: Kosten sind der einzige Faktor in der Geldanlage, den Anleger kontrollieren können.
Wahrendorf: Ich habe im Depot meiner Mutter einen Dax-Tracker mit fünf Prozent Ausgabeaufschlag und 1,5 Prozent Managementgebühr gefunden, den ihr ein Bankberater aufgeschwatzt hat. Das kann doch nicht sein! ETFs für deutsche Aktien gibt es auch für 0,1 Prozent. Da setzt die Bank voll auf die Unwissenheit des Kunden. Das muss sich ändern. Und die Leute müssen auch selbst besser auf die Kosten achten.
Viele deutsche Banken bieten keine ETFs von Ihnen oder Ihrem großen Konkurrenten iShares an. Weshalb? Ärgert Sie das?
Wahrendorf: Der Grund ist einfach: Viele Banken haben eigene Produkte und Fonds, an deren Vertrieb sie sehr gut verdienen. Zugleich verlangen sie hohe Gebühren für Fremdanbieter. Wir als Firma zahlen Banken aber keine Provisionen, wenn sie unsere Produkte verkaufen. Den Anlegern und Sparern soll das beste Produkt empfohlen werden, und nicht das für die Bank und den Berater lukrativste, wie es heute leider häufig der Fall ist. Deshalb sind wir der Meinung, dass ein Provisionsverbot in Europa dazu beitragen kann, solche und weitere Interessenkonflikte in der Fondsbranche endlich aufzulösen.
Interview: Andreas Höß