Viessmann: Abschied von der Wärmepumpe

von Redaktion

VON SEBASTIAN HÖLZLE, CHRISTIAN EBNER U. THOMAS SCHMIDTUTZ

München – Wärmepumpen gelten als Schlüsseltechnologie in der von der Bundesregierung geplanten „Wärmewende“. Ausgerechnet jetzt will der Heizungsspezialist Viessmann aus dem hessischen Allendorf an der Eder sein Geschäft mit Wärmepumpen an den US-Konzern Carrier Global verkaufen.

Um welchen Kaufbetrag geht es?

Carrier Global bezifferte den Kaufpreis der Viessmann-Klimasparte auf zwölf Milliarden Euro. 20 Prozent sollen als Aktienpaket an die verbleibende Viessmann-Gruppe gehen, die damit zu einem großen Anteilseigner der US-Firma wird. Das Geschäft soll bis zum Ende des Jahres abgeschlossen sein, wie beide Seiten in der Nacht zum Mittwoch mitteilten.

Welches Interesse hat der US-Konzern?

Mit dem Kauf der Viessmann-Klimasparte sichert sich Carrier Global den Zugang zum europäischen Markt. Carrier-Chef David Gittin bezeichnete die Akquisition als „spielverändernde Gelegenheit“. Die Viessmann-Klimasparte sei entscheidend für die europäische Energiewende. Viessmann habe eine extrem starke Marktposition, einzigartige Vertriebskanäle und Wachstumschancen. Das US-Unternehmen verwies auf den neuen Marktzugang. 75 000 Installateure in 25 Ländern bringen demnach Viessmann-Produkte in die Haushalte. Und der europäische Wärmepumpen-Markt werde sich bis 2027 auf rund 15 Milliarden US-Dollar verdreifachen.

Werden die Amerikaner die Produktion verlagern?

Nein – zumindest vorerst. Beide Seiten hätten sich auf langfristige Garantien geeinigt, erklärte Viessmann. So seien betriebsbedingte Kündigungen für drei Jahre ausgeschlossen, wichtige Standorte für Produktion und Entwicklung fünf Jahre gesichert und Allendorf für zehn Jahre als Hauptsitz gesetzt. Die etwa 11 000 Beschäftigte der Sparte sollen 106 Millionen Euro als Sonderprämie erhalten. Die Klimasparte machte bei Viessmann im vergangenen Jahr 85 Prozent des Umsatzes aus, der für 2022 um 19 Prozent auf den Rekordwert von rund vier Milliarden Euro angestiegen war.

Wer steckt hinter Carrier Global?

Das Unternehmen aus dem US-Staat Florida gilt als Erfinder der modernen Klimaanlage und wurde 1902 gegründet. Der Konzern beschäftigt 52 000 Menschen und erzielte im vergangenen Jahr 20,4 Milliarden Dollar Umsatz.

Wird das Bundeswirtschaftsministerium den Verkauf genehmigen?

Das ist noch unklar. „Wir werden uns das Vorhaben im Rahmen der vorgesehenen Prüfschritte anschauen und sind im Gespräch mit dem Verkäufer und dem Investor, damit das Projekt unserer Wirtschaft und dem Standort Deutschland dient“, sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Nach Aussagen des Volkswirts Jens Südekum könnte Habeck das Außenwirtschaftsgesetz bemühen. „Ich glaube aber nicht, dass er das tun wird und würde ihm das auch nicht raten.“ Bei einem chinesischen Investor läge der Fall womöglich anders. Die FDP zeigte sich indes besorgt angesichts des geplanten Verkaufs: Geistiges Eigentum und Produktion seien nicht auf Dauer in Deutschland gesichert, hieß es aus der Parteispitze.

Wie reagiert die Opposition?

Mit Kritik. CDU-Politikerin Julia Klöckner hielt Habeck vor, mit dem geplanten Heizungsverbot finanzstarke Wärmepumpenhersteller aus dem Ausland angelockt zu haben. „Sie wollen ihre Wärmepumpen hier verkaufen und können auch aufgrund niedriger Produktionskosten mit Dumpingpreisen unsere Unternehmen schwächen.“

Und wie reagiert das Handwerk?

Wenig überrascht. „Der Verkauf des Wärmepumpen-Geschäfts von Viessmann ist ein Schritt, den wir erwartet haben, weil der Markt in Deutschland – und das sage ich ganz selbstkritisch –durch den Vertrieb von Heizungstechnik über das Handwerk etwas komplizierter ist als in anderen Ländern“, sagte Olaf Zimmermann, Obermeister der Sanitär- Heizungs- und Klima-Innung München. „Handwerker verkaufen gerne Produkte von den Herstellern, die sie schon lange kennen.“ Neue Anbieter hätten es damit schwer, in Deutschland Fuß zu fassen.

Wie werden sich die Preise jetzt entwickeln?

Handwerks-Vertreter Zimmermann sagte: „Jetzt wird es erst einmal einen Ansturm auf Wärmepumpen geben, der Preis wird etwas höher sein, da noch Erfahrungswerte fehlen in der Ausführung sowie in der Technik, aber wenn sich der Markt in vier fünf Jahren wieder etwas beruhigt hat, kann ich mir schon vorstellen, dass es wieder günstiger wird, weil dann auch mehr Routine im Spiel ist.“ Ökonom Jens Südekum rechnet mit einem Preisverfall, sobald sich Anbieter aus Japan und Südkorea auf dem deutschen Markt breitmachen. „Der Preis für Wärmepumpen wird auf absehbare Zeit wohl deutlich sinken.“ Auch Minister Habeck rechnet mit günstigeren Preisen.

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