München – Heizöl-Embargo gegen Russland, Förderkürzung der Opec+-Länder: Experten hatten ab Mai mit steigenden Ölpreisen gerechnet. Doch das Gegenteil ist aktuell der Fall: Gestern fielen die Preise für ein Fass Brent zeitweise um sechs Dollar auf 73 Dollar und damit sogar fast auf das Jahrestief von Mitte März.
Für Anlagestratege Sören Hettler von der DZ Bank liegen die Ursachen vor allem in Sorgen um die globale Konjunktur: „Die US-Wirtschaft und der dortige Arbeitsmarkt präsentieren sich zwar bislang robust, trotz der bremsenden Wirkung der US-Geldpolitik. Allerdings hält sich der Preisdruck, gerade in der Kernrate, also ohne Energie und Nahrungsmittel, auf einem aus Sicht der US-Notenbank unerfreulich hohen Niveau.“ Für rasche Leitzinssenkungen, die teils schon für den Sommer erwartet wurden, dürfte es laut Hettler noch deutlich zu früh sein. „Hoffnungen, wonach China wieder als globale Wachstumslokomotive fungieren wird, wurden zumindest bislang eher enttäuscht“, gibt Hettler zu bedenken.
Rohstoffanalyst Carsten Fritsch von der Commerzbank sieht den schwachen US-Arbeitsmarkt und stärkere amerikanische Ölexporte als Ursache für den Preisfall. Fraglich ist, wie die Ölförderer reagieren. Als die Preise Mitte März auf ein ähnliches Niveau fielen, hatte die OPEC+ beschlossen, die Fördermengen ab Mai zu kürzen. Sören Hettler: „Die Mitglieder der OPEC+ haben mit ihrer Entscheidung von Anfang April klargemacht, dass sie einen Rohölpreis deutlich unter 80 Dollar pro Barrel nicht tolerieren wollen. Die Tiefststände vom März im Bereich von 70 Dollar sind zwar erneut möglich. Viel tiefer dürfte der Preis jedoch nicht fallen, ohne die OPEC+ auf den Plan zu rufen.“
Dennoch erwartet Sören Hettler wegen der steigenden Nachfrage Chinas im laufenden Jahr steigende Preise. Das gilt auch für Commerzbank-Analyst Carsten Fritsch: „Wir rechnen am Jahresende weiter mit 90 Dollar pro Barrel, weil wir im zweiten Halbjahr eine deutliche Unterversorgung sehen dürften.“
MATTHIAS SCHNEIDER