München – Der Einzelhandel ist unter Druck geraten. Die Kunden gehen seltener einkaufen und geben dabei möglichst wenig aus. Auch der Online-Handel und das Geschäft mit Lebensmitteln ist neuerdings rückläufig – auch weil gerade Nahrungsmittel sich zuletzt besonders stark verteuert haben. Wer daran schuld hat, wie es an der Preisfront weitergeht und wie viele Betriebe die Krise nicht überleben werden – darüber sprachen wir mit Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern (HBE).
Im Einzelhandel brechen die Umsätze ein, die Leute gehen seltener und sparsamer einkaufen. Und erstmals ist auch der Online-Handel rückläufig. Was ist da los?
Die Pandemie hat dem Online-Handel ja einen kräftigen Schub gegeben, jährlich plus 20 Prozent und mehr. Jetzt fragt man sich: Kann der Online-Handel auch Krise? Die Menschen in Bayern drehen den Euro dreimal um, bevor sie ihn ausgeben. Auch im Internet. Das ist tatsächlich eine neue Erfahrung für den Online-Handel.
Was machte die Lage aktuell so schwierig?
Nach drei Corona-Jahren hatten die Händler gehofft: Jetzt geht es wieder bergauf. Doch dann kam der russische Angriff auf die Ukraine. Und damit Lieferengpässe und explodierende Energiepreise, die auch fast alle anderen Preise nach oben trieben. Durch die enorme Inflation haben die Kunden nun Sorge, ob sie ihre Rechnungen noch bezahlen können. Das verursacht natürlich Kaufzurückhaltung. Und die wiederum führt dazu, dass viele Betriebe am Abgrund stehen.
Der Bundesverband HDE schätzt, dass allein heuer 9000 Geschäfte werden schließen müssen. Wie viele werden es in Bayern sein?
Wir befürchten, dass es 1200 sein könnten, die heuer aufgeben müssen. Üblich sind ungefähr 800 Geschäftsaufgaben im Jahr. Es sind also deutlich mehr als in normalen Zeiten.
Welche Betriebe trifft es besonders?
Die Schlagzeilen der jüngsten Zeit haben gezeigt, dass auch die Großen nicht vor der Krise gefeit sind. Galeria Kaufhof Karstadt zum Beispiel oder die Reno-Gruppe. Aber natürlich trifft es auch viele kleine und mittelständische Betriebe, die schon durch die Corona-Zeit angeschlagen waren. Viele haben ihr Privatvermögen in den Laden gesteckt und haben jetzt keine Reserven mehr. Die Kleinen allerdings sterben still und leise, ohne viel mediales Echo.
Die stärksten Einbrüche gab es zuletzt im Lebensmittel-Einzelhandel. Um rund zehn Prozent sind die Umsätze da zurückgegangen. Das heißt, die Leute sparen jetzt am Essen.
Genau. Das merken wir schon länger. Statt zu Markenprodukten greifen immer mehr Leute jetzt zu den günstigeren Eigenmarken oder gehen gleich zum Discounter. Aber auch da wird gespart. Man achtet auf Sonderangebote. Auch der Biohandel merkt massiv, dass die Leute sparen. Die kleinen Fachgeschäfte haben schwer zu kämpfen, weil die Bio-Kunden jetzt lieber im Supermarkt oder beim Discounter Bio-Ware kaufen.
Sind die Discounter also die Gewinner der Krise?
So ganz klar lässt sich das nicht sagen. In Bayern liegt der Discounter-Anteil immer um die 40 Prozent. Da hat sich auch zuletzt nicht viel geändert. Aber natürlich geraten durch die Kaufzurückhaltung vor allem die klassischen Supermärkte unter Druck.
Sehen Sie den Höhepunkt der Preissteigerunge bei Lebensmitteln inzwischen überschritten?
Ich glaube, dass es so ist. Die Anzeichen dafür gibt es.
Das Ifo- Institut und die Allianz haben unlängst Studien herausgebracht, denen zufolge die Preise stärker gestiegen sind, als das eigentlich gerechtfertigt wäre. Was sagen Sie dazu?
Der Handel steht da oft am Pranger für Dinge, für die er nichts kann. Wir sind nicht diejenigen, die die Krise ausnützen.
Wer dann?
Es sind ja in aller Regel die Hersteller, die Preiserhöhungen durchsetzen wollen. Wenn wir dem immer nachgeben würden, müssten wir das 1:1 an die Kunden weitergeben. Deshalb widersetzen sich oft Einzelhandelsketten. Dann gibt es zum Beispiel in bestimmten Geschäften die Produkte bestimmter Marken eben nicht mehr. Einige große Lebensmittelhersteller gehen offensichtlich davon aus, dass der Handel auf ihre Markenprodukte angewiesen ist und nutzen ihre Marktstellung aus. Und am Ende stehen die Einzelhändler als die Bösen da.
Aber Sie verstehen den Ärger der Kunden. Wenn sie selbst einkaufen gehen, merken Sie ja auch, dass man für 100 Euro keinen Einkaufswagen mehr voll bekommt.
Ja, klar geht mir das auch so. Früher hat man mehr bekommen. Aber ich gehe davon aus, dass die Inflation auch bald schon wieder nachgibt, da bin ich sehr zuversichtlich.
Weiterhelfen könnte auch, wenn die Löhne kräftig steigen würden, oder nicht?
Das ist eine zweischneidige Sache. Natürlich hätten die Leute dann mehr Geld in der Tasche. Auf der anderen Seite müssten aber die Hersteller, die die höheren Löhne bezahlen müssten, deshalb ihre Preise erhöhen – und die Inflation würde weiter steigen. Es ist ein Balanceakt: auf der einen Seite die Kaufkraft zu erhöhen und auf der anderen die Inflation nicht noch weiter zu befeuern.
Interview: Corinna Maier