Investor betankt Jolt mit 150 Millionen Euro

von Redaktion

VON THOMAS MAGENHEIM-HÖRMANN

München – Laternenparker mit Elektroauto kennen das: Die wenigen Ladesäulen in der Umgebung sind stundenlang besetzt. Das Ladeproblem vor der Haustür hält viele davon ab, sich einen Stromer zu kaufen. „Für Städte ist das die ideale Lösung“, preist Maurice Neligan deshalb sein Produkt an. Der Ire ist Chef und Mitgründer des Münchner Start-ups Jolt Energy, einer Betreiberfirma für ultraschnelle Stromtankstellen speziell im urbanen Raum.

Sein System hat einen wichtigen Vorteil. Es braucht, wie sonst beim Schnellladen meist nötig, keinen teuren und zeitaufwendig zu installierenden Anschluss an ein Mittelspannungsnetz. Deshalb können rasch viele Ladepunkte entstehen. Zudem verspricht Neligan hohen Durchsatz. „In fünf Minuten kann man Strom für 100 Kilometer Reichweite laden, ein Elektroauto zügig nach dem nächsten“, sagt der 56-jährige Gründer. Voll geladen sei in der Regel in 20 Minuten. Erste Jolt-Säulen, wie es sie zum Beispiel in München vereinzelt gibt, kämen rund um die Uhr auf 60 Prozent Auslastung, was bundesweit ein Topwert sei. Etwa 40 Ladevorgänge pro Säule und Tag werden damit Realität. Die Stromtankstellen der 2018 gegründeten Jungfirma kommen mit überall verfügbarem Niederspannungsanschluss und damit ohne komplizierten Netzausbau aus, weil in ihnen eine Batterie dafür sorgt, dass schnellladefähige Leistungen von bis zu 320 Kilowatt erreicht werden. Das macht sie zu einem der weltweit schnellsten Ladesysteme.

Die einer riesigen Powerbank ähnliche Technologie mit Batteriepuffer liefert der Kooperationspartner ADS-TEC Energy aus Nürtingen, der damit auch schon Porsche versorgt hat und 2022 für den Deutschen Zukunftspreis nominiert war. Dafür, dass sie nun schnell und in größerem Maßstab bundesweit ausgerollt werden kann, sorgt der Londoner Infrastruktur-Investor InfraRed Capital, der jetzt 150 Millionen Euro in Jolt steckt und damit einen Ausbauschub erlaubt. „Das reicht für 700 bis 800 unserer Ultraschnellladesäulen“, sagt Neligan.

In einem ersten Schritt sollen die in den zwölf größten deutschen Städten aufgestellt werden. Danach würden auch kleinere Städte bestückt. Insgesamt will Jolt mit Investorengeld binnen drei bis vier Jahren für gut eine halbe Milliarde Euro tausende Ladesäulen bauen. Der Geldgeber aus London ist überzeugt. „Die Investition in schnelle Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge passt zu unserem Ansatz, eine kohlenstoffarme Zukunft zu unterstützen“, erklärt InfraRed-Partner Stephane Kofman das Engagement. InfraRed besitze langjährige Erfahrung mit Investitionen in Erneuerbare Energien und Batterien. Ultraschnelle Ladesäulen hätten attraktives Wachstumspotenzial. Die sechs Jolt-Gründer, die derzeit noch die Mehrheit ihrer Firma kontrollieren, rutschen mit dem Einstieg von InfraRed in eine Minderheitenposition, stellt Neligan klar. Aber die Sache komme endlich spürbar voran. Das ist die Versorgung von Städten mit Schnellladepunkten für viele Elektroautos und damit die Beseitigung eines Flaschenhalses der Elektromobilität. „Elektroautofahrer können dann fast so schnell laden wie heute an Tankstellen tanken“, verspricht der 56-Jährige, der früher für Siemens, VW und Continental gearbeitet hat.

Aber das Anbieten von Ladestrom ist nur ein Teil des Jolt-Geschäftsmodells. Die Ladesäulen mit ihren Batteriepuffern arbeiten auch bidirektional. Dort gespeicherter Strom kann bei Bedarf wieder ins Netz zurückfließen, um es in Zeiten fluktuierender erneuerbarer Energien stabil zu halten. „Das funktioniert wie ein virtuelles Kraftwerk“, erklärt Neligan. Damit würden auch Stromversorger zu Jolt-Kunden, für die man auf diese Weise Netzdienste erledige. Ein drittes Element zum Geldverdienen sind große, für Werbung taugende LED-Flächen auf den Ladesäulen. Was deren Standorte angeht, gibt es mit der Tankstellenkette Esso einen ersten Partner.

Neben weiteren Tankstellen führt Jolt mit Ketten von Super- und Baumärkten oder Fastfood-Restaurants Gespräche. „Wir brauchen Standorte, an denen die Leute nicht lange bleiben, sodass eine Säule schnell wieder frei wird“, erklärt Neligan. Zugleich sollen die Standorte stark frequentiert sein, um viele Ladevorgänge zu erlauben und die Investition in die pro Stück mehrere hunderttausend Euro teuren Säulen schnell zu amortisieren. Der Ire glaubt, etwa 15 Mal so viele Elektroautos laden zu können, wie an den derzeit gängigen, aber langsam ladenden.

Bislang plant die Bundesregierung bis 2030 rund eine Million öffentlicher Ladepunkte. Derzeit sind es erst gut 80 000, was die Dimension der Aufgabe verdeutlicht, selbst wenn moderne Schnellladetechnik die nötige Anzahl reduziert.

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