Was die Trennung von China kosten würde

von Redaktion

VON THOMAS MAGENHEIM-HÖRMANN

München – Wie abhängig die deutsche Wirtschaft von russischem Gas ist, führen der Ukrainekrieg und seine Folgen vor Augen. Die Schockerlebnisse haben den Ruf nach vorausschauender Entkoppelung der heimischen Wirtschaft vor allem von China verstärkt. Würde das Land Taiwan angreifen, wäre dieses Thema schlagartig auf der politischen Agenda. Eine Studie des österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung und dessen Leiter Gabriel Felbermayr, der auch Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft ist, hat für Deutschland diverse Szenarien berechnet.

Fazit: Es wird teuer, vor allem wenn man sich zu schnell loslöst. Eine Abkehr von China würde das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) kurzfristig um zwei Prozent schmälern. Die Studie unterstellt dabei „nur“ ein Ende des Handels mit Zwischenprodukten wie Computerchips, während Endprodukte wie Autos oder Smartphones noch gehandelt würden. „Bei einem kompletten Entkoppeln auch von Endprodukten wären die Kosten etwa doppelt so hoch“, sagt Felbermayr. Um etwa vier Prozent würde das heimische BIP dann im Fall China schlagartig schrumpfen.

Eine Entkoppelung von Russland, die derzeit läuft, aber noch längst nicht ganz vollzogen ist, schlägt laut Studie mit einem BIP-Rückgang von 1,5 Prozent zu Buche. Ein Abkoppeln der EU vom Rest der Welt würde das Realeinkommen eines jeden Deutschen um ein Fünftel senken. Das ist zwar völlig unrealistisch, veranschaulicht aber, wie sehr Volkswirtschaften verflochten sind.

Beim Ausbruch des Ukrainekriegs wurden Effekte hinsichtlich Russland überbewertet. Eine Prognos-Studie hatte zu Beginn des westlichen Sanktionsregimes gegen den Aggressor für Deutschland noch einen BIP-Rückgang von 12,7 Prozent unterstellt. „Es ist nicht zum Armageddon gekommen, die Effekte wurden zehnfach überschätzt“, stellt Felbermayr klar. Entscheidend sei, wie lange die deutsche Wirtschaft Zeit habe, sich von einer anderen zu entkoppeln. „Langfristig sind die Effekte ein Viertel bis ein Drittel so groß wie in der kurzen Frist“, ist eine Kernaussage der Studie. Langfristig bedeutet Zeiträume von fünf bis zehn Jahren, erklärt Felbermayr. Werde Entkoppelung politisch gewollt und unterstützt, könne sie zu drei Vierteln binnen fünf Jahren und zu 95 Prozent binnen eines Jahrzehnts vollzogen werden, sagt er.

Allgemein gilt, dass Entkoppelung von Wertschöpfungsketten in allen berechneten Szenarien importseitig Deutschland stets teurer kommt als exportseitig. Einzige, aber bedeutende Ausnahme ist eine Abkehr von China. Abgeschnittene Importe aus China würden das deutsche BIP kurzfristig um 22 Milliarden Euro schmälern, abgeschnittene Exporte nach China um 37 Milliarden Euro. Besonders würden die Bereiche Nahrungsmittel, Bau, Chemie und Automobilbau leiden. Allgemein wäre das rohstoffarme Deutschland wegen seines ausgeprägten Handels mit Zwischengütern stärker als andere Wirtschaften von Entkoppelungen betroffen, sagt Felbermayr. Vom völligen Loslösen von Handelspartnern rät er ohnehin ab. „Diversifizieren und möglichst viele finanziell darstellbare Lieferquellen auftun, ist das Gebot der Stunde.“

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