Nürnberg – Einen Tag weniger arbeiten für das gleiche Geld? Für Arbeitnehmer ist das toll. Arbeitgeber halten das hingegen oft für eine Schnapsidee, weshalb viele sich darüber beschweren, dass vor allem die junge Generation nur noch ihre Freizeit maximieren wolle. Doch stimmt das überhaupt? Und kann es sich die Wirtschaft angesichts des Fachkräftemangels leisten, dass immer öfter Teilzeit gearbeitet wird? Das haben wir den Ökonomen Enzo Weber gefragt, der das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg leitet.
Herr Weber, im Moment wird gerade hitzig über die 4-Tage-Woche gestritten. Was genau ist das?
Es gibt keine Definition, was die 4-Tage-Woche ist. Jeder versteht etwas anderes darunter. 4-Tage-Woche kann bedeuten, dass man den fünften Arbeitstag ersatzlos streicht. Das geht mit vollem Lohnausgleich oder ohne. Auf Letzteres haben deutsche Arbeitnehmer ein Anrecht, das Recht auf Teilzeit, und das nutzen heute schon viele. Daneben gibt es das belgische Modell. Bei dem werden alle Stunden der 5-Tage-Woche gearbeitet, nur an vier Tagen.
Die IG-Metall fordert die ersatzlose Streichung des fünften Arbeitstages bei vollem Lohnausgleich. Ist das nicht überzogen?
Dass die Gewerkschaften Arbeitszeitverkürzung fordern, ist nichts Neues. Im Fall der IG Metall in der Stahlbranche ist es so, dass dort ohnehin bereits 35 Stunden pro Woche gearbeitet wird. Der Schritt auf 32 Stunden wäre nicht mehr so weit, auch finanziell. Das wäre eine Senkung der Arbeitszeit um 8,5 Prozent, was unter vielen aktuellen Lohnforderungen liegt. Aber: Das ist jetzt erst einmal eine Maximalforderung, mit der die Gewerkschaft in die Tarifverhandlungen geht.
Könnte so eine 4-Tage-Woche bei vollem Lohn Schule machen? Die Arbeitgeber sagen, vier Tage Arbeit bei gleichem Lohn ist finanziell nicht drin.
Das ist auch so. In der Stahlbranche mag der Schritt relativ klein sein, aber in den meisten Unternehmen wären vier Arbeitstage bei vollem Gehalt eine Lohnerhöhung von 25 Prozent. Das ist völlig illusorisch, das Geld für die Löhne muss ja irgendwie erwirtschaftet werden. Wer weniger arbeitet, produziert auch weniger und verdient deshalb nicht ganz so viel. Ich sehe keinen Grund, weshalb das nicht mehr gelten sollte.
Einige Studien wollen aber herausgefunden haben, dass man an vier Tagen genauso produktiv sein kann wie an fünf.
Ein Busfahrer, der sich nach einem Fahrplan richten muss, kann an vier Tagen sicher nicht mehr Bus fahren also zuvor an fünf. Er wird sogar genau ein Fünftel weniger fahren. So ist es bei vielen anderen Jobs auch, in der Pflege etwa oder im Verkauf.
Gibt es Branchen, in denen das funktionieren könnte?
Sicher gibt es Branchen, die dafür besser geeignet sind. Trotzdem muss man bei den Studien, in denen über Produktivitätssteigerungen bei weniger Arbeitszeit berichtet wird, genau hinschauen. Die Teilnahme ist üblicherweise freiwillig, weshalb vor allem diejenigen mitmachen, die der 4-Tage-Woche grundsätzlich positiv gegenüberstehen und diese auch gut umsetzen können. Negativfälle werden so ausgeblendet. Außerdem wurden in den betreffenden Unternehmen parallel neue Technologien eingeführt und Prozesse verändert, worauf die Produktivitätssteigerungen vorrangig zurückzuführen sein dürften. Das ist gut, aber eben auch nicht exklusiv bei vier Tagen möglich.
Und was ist mit dem belgischen Modell, alle Wochenstunden an nur vier Tagen abzuarbeiten?
Organisatorisch würde das in vielen Unternehmen gehen. Trotzdem wird sich das in der Breite meiner Meinung nach nicht durchsetzen.
Wieso?
Arbeitet man vier Tage die Woche zehn Stunden pro Tag, hält dazu Pausen ein und pendelt in die Arbeit, schafft man an diesen Tagen nichts anderes mehr. Man sieht weder seine Kinder, noch machen die Öffnungszeiten des Kindergartens das mit. Außerdem sind zehn Stunden am Tag für die meisten einfach zu viel. Sie arbeiten dann ineffizienter und unmotivierter.
Die 4-Tage-Woche ist also eine schlechte Idee?
Kommt darauf an, was man darunter versteht. Flexiblere und je nach Lebensphase womöglich geringere Arbeitszeiten wünschen sich schon viele Menschen. Die Selbstbestimmtheit, seine Arbeitszeit steuern zu können, statt sie von oben aufgedrückt zu bekommen, bringt Zufriedenheit und Motivation im Job.
Markus Söder hat sich gerade mit der Formel „Leistung vor Lifestyle“ in der Debatte zu Wort gemeldet. Da schwingt mit, dass viele keine Lust auf Arbeit haben. Stimmt das?
Das ist griffig, aber falsch. Dieses Stigma hängt man vor allen der jungen Generation Z an, die nur fordere und nichts leiste. Dieses gängige Bild stimmt nicht. Es gibt wissenschaftliche Umfragen, wie viele Stunden pro Woche die Menschen im Schnitt arbeiten wollen. Dort gibt es bei der Generation Z eigentlich keine Unterschiede zu vorherigen Generationen. Die jungen Menschen wollen nicht kürzer als früher arbeiten, sie wollen nur anders arbeiten.
Was bedeutet anders?
Wir haben heute andere Lebensmodelle. Den Alleinverdiener-Haushalt aus der Zeit des Wirtschaftswunders gibt es kaum noch. Es arbeiten in der Regel beide Partner, was vor allem in Familien eine gewisse Flexibilität erfordert. Dann kam die Corona-Zeit, in der man kollektiv erfahren hat, dass flexibler und mobil arbeiten auch funktioniert.
Das fordern die Arbeitnehmer nun weiter ein?
Ja. Und durch den Fachkräftemangel haben ihre Forderungen mehr Gewicht als nach der Jahrtausendwende, als es Massenarbeitslosigkeit und die sogenannte Generation Praktikum gab. Heute suchen sich die Menschen eher einen Job aus, den sie ihrem Leben anpassen können als ihr Leben wie früher dem Job anzupassen. Bei einem Bürojob ohne die Option auf Homeoffice kann heute eigentlich kein Arbeitgeber mehr auf Bewerber hoffen. Auch flexible Arbeitszeitmodelle werden mehr nachgefragt.
Die Teilzeitquote steigt seit Jahren. 1990 haben 30 Prozent der Frauen Teilzeit gearbeitet, heute sind es 45 Prozent. Bei den Männern gab es einen Anstieg von zwei auf zwölf Prozent. Aus der Wirtschaft hört man deshalb oft, dass zu wenig gearbeitet wird.
Genau das Gegenteil ist der Fall. Es wurde nie so viel gearbeitet wie heute. Früher waren die Männer in der Regel Vollzeit beschäftigt und viele Frauen gar nicht. Jetzt stehen immer mehr Frauen dem Arbeitsmarkt wenigstens als Teilzeitkräfte zur Verfügung. Das drückt zwar den Schnitt der pro Kopf gearbeiteten Stunden, was auf den ersten Blick den Eindruck erwecken kann, dass allgemein weniger gearbeitet wird. Die Summe aller geleisteten Arbeitsstunden steigt dadurch aber.
Der Trend zur Teilzeit bedeutet also, dass der Wirtschaft mehr Arbeitskräfte zur Verfügung stehen?
Genau. Dadurch, dass immer noch viele Frauen Teilzeit arbeiten, wird aber trotzdem Potenzial verschenkt. Dabei geht es nicht nur um Arbeitsstunden. Die Teilzeitfalle, in die viele Frauen durch die Kinder-Pause geraten, bremst auch ihre qualitative berufliche Entwicklung aus.
Wie lässt sich das ändern?
Einerseits muss die Kinderbetreuung noch umfangreicher werden. Andererseits müssen Arbeitgeber den Frauen flexiblere Arbeitsmodelle anbieten, und berufliche Weiterentwicklung muss bei jeder Arbeitszeit möglich sein. Daneben müssen Frauen von ihren Partnern unterstützt werden. Wenn Männer selbst öfter ihre Arbeitszeit um ein paar Stunden oder einen Tag pro Woche reduzieren würden, müssten sich Frauen weniger zurücknehmen und hätten keine so großen Brüche in ihrer Karriere mehr.
Wenn Männer öfter vier Tage arbeiten würden, hätten alle etwas davon?
Wenn es gerade in den Lebensabschnitt passt: Ja. Das wäre zumindest meine Prognose. Mit kleinen Einbußen bei der Arbeitszeit der Männer könnten wir bei den Frauen vermutlich viel gewinnen.
Stecken Männer nicht schon etwas zurück?
Da hat sich schon etwas getan, aber mit der Teilzeitquote bei Männern ist es trotzdem immer noch nicht weit her. Auch bei der Elternzeit nehmen sie zu oft lediglich die zwei Zusatzmonate, die sonst verfallen würden.
Weshalb? Weil sie Frauen lieber am Herd halten wollen? Oder stecken sie in einer Art Vollzeit-Falle?
Eher Letzteres. Wollen sie ihre Arbeit eine Zeit lang reduzieren, ist das oft ein Karrieredämpfer. Dann heißt es, der steckt zurück, da ist nicht mehr viel zu erwarten. Doch das ist falsch. Dieses Schwarz-Weiß-Denken und die Vorbehalte gegenüber flexibler Arbeitszeit und Teilzeitarbeit müssen wir überwinden.
Das würde dann doch für eine Form der 4-Tage-Woche sprechen, oder?
Die normierte Vollzeit als Standard der Arbeit ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Jeder sollte frei wählen können, in welcher Lebensphase er wie viel arbeitet. Wir brauchen deshalb keine 5- oder 4-Tage-Woche, sondern eine X-Tage-Woche und eine Flexibilisierung der Arbeit über die gesamte Lebenszeit. Wer kleine Kinder hat, braucht vielleicht ein paar Jahre lang ein paar Stunden pro Woche mehr Zeit für die Familie.
Das aber nicht bei voller Bezahlung, oder?
Nein, das sollte klar sein. Aber oft hebt sich auch das unter dem Strich auf. Wenn Frauen durch die reduzierte Arbeitszeit der Männer mehr arbeiten, kann das Familieneinkommen sogar steigen – vor allem, wenn der Karriereknick bei Frauen nicht mehr so groß ausfällt. Und selbstbestimmte Arbeitszeiten steigern die Zufriedenheit. Wenn man das X-Tage-Modell als Initialzündung nutzt, könnte man am Ende höhere Motivation, Leistung und auch Bezahlung erreichen. Zudem kommt es in manchen Lebensphasen nicht nur auf Geld an. Das ist auch bei älteren Arbeitnehmern so.
Inwiefern?
Die Betriebe halten die Leute erfahrungsgemäß nicht dadurch vom Renteneintritt ab, indem sie mehr Geld auf den Tisch legen. Sie überzeugen sie, indem sie ihnen andere Arbeitszeitmodelle bieten, also im Zweifel kürzere und flexiblere Arbeitszeiten – und die passenden Tätigkeiten.
Interview: Andreas Höß