An den deutschen Energiemärkten reiht sich Jahrestief an Jahrestief. Doch jetzt gab es die ersten Dämpfer: Die Exporteure von Öl und Gas wollen den fallenden Preisen nicht tatenlos zuschauen.
Gas
Der Gaspreis ist vergangene Woche unter 25 Euro pro Megawattstunde gefallen und lag damit nur noch 50 Prozent über dem Vorkrisenniveau – und unter den Transportkosten. Experten zufolge lässt sich Flüssiggas, sogenanntes LNG, unter 30 bis 40 Euro kaum rentabel nach Europa bringen. Thomas Peiß, Analyst bei der BayernLB, erklärt: „Die niedrigen Gaspreise sind Ausdruck des warmen Wetters, aber auch der schwachen Konjunktur, sowohl in Deutschland, als auch in China.“
Denn noch bis Mitte Mai kostete Gas in Europa über 30 Euro, es wurden also Tanker geschickt. Inzwischen suchen die Lieferanten offenbar andere Abnehmer: In der Japan-Korea-Region kostet Gas stabil über 31 Euro. Am Montag stieg der europäische Gaspreis deshalb teilweise um 25 Prozent auf knapp 29 Euro, der erste wirkliche Aufschlag in diesem Jahr. Laut Ciaran Roe, Chef-LNG-Analyst bei S&P Global, war die Preiskorrektur nötig, Europa wieder attraktiver zu machen.
Mittelfristig könnten die Preise auch nachfragebedingt steigen, sagt Thomas Peiß: „Unsere Volkswirte erwarten, dass die chinesische Wirtschaft erst ab dem zweiten Halbjahr deutlich an Fahrt gewinnt, was die Nachfrage steigern würde.“
Noch ist aber ungewiss, ob das die Weltmarktpreise für LNG treiben wird: „Die Internationale Energieagentur geht davon aus, dass China mehr Gas über Langfristverträge kontrahiert hat. Je nachdem wie stark die Wirtschaft sich erholt, müssen sie aber trotzdem noch Gas am Spotmarkt beschaffen – wo auch Deutschland einkauft.“
Dementsprechend hängen die Gaspreise für das laufende Jahr ganz an der Nachfrageseite: „Dieses Jahr werden wir kaum mehr LNG am Markt sehen, frühestens ab 2024“, so Peiß. „Der Gaspreis wird spätestens steigen, wenn der Winter kalt wird.“
Kurzfristige Nachfrager sind auch Gaskraftwerke: „Wenn es im Sommer wieder zu einer ausgedehnten Dürre kommt, könnten wir wieder Probleme mit den Kohle- und den Atomkraftwerken bekommen – dadurch müssten wir mehr Gas verstromen.“
Die Unsicherheit ist am Markt eingepreist: Gas für das Jahr 2024 kostet heute mit rund 44 Euro so viel wie im saisonal bedingt teuren Dezember.
Strom
Niedrige Gaspreise sowie viele Wind- und Sonnenstunden haben die Strompreise für Juni auf 83 Euro die Megawattstunde gedrückt. Am Montag gab es noch ein Kurzzeittief von 73 Euro. Zum Vergleich: Ende April kostete dieselbe Lieferung noch 101 Euro. Wie beim Gas hat der Markt aber enorme Risikoaufschläge für 2024 eingepreist: Eine Lieferung für das ganze Jahr kostet gerade mit 125 Euro pro Megawattstunde kaum weniger als für Dezember.
Ein großer Faktor ist die Unsicherheit um die französischen AKW, die als traditionelle Winterlieferanten galten: „Die französischen Atomkraftwerke werden zwar gerade repariert, aber es kommen immer neue Schäden auf“, erklärt Thomas Peiß.
Vergangenes Jahr war rund die Hälfte der Anlagen nicht am Netz. Die Konsequenz: „Letztes Jahr konnten wir unsere Stromerzeugung nicht im gewünschten Ausmaß von Gas auf Kohle umstellen, weil wir die Gaskraftwerke für den Export gebraucht haben“, so Peiß. „Sollten die französischen AKW ausfallen, würde sich das erheblich auf die Preise auswirken – auch in Deutschland.“
Besonders für Kohlekraftwerke ist auch der marktbasierte CO2-Preis ein Risiko geworden: „Weil wir weder genug Speicher und Netze haben, um grünen Strom grundlastfähig zu nutzen, müssen fossile Kraftwerke laufen, egal wie teuer das CO2 ist.“
. Tipp für Verbraucher
Die Strom- und Gasmärkte hängen weiter voneinander ab – und sind stabil auf Talfahrt. Bisher spricht nichts dagegen, auf weiter fallende Preise zu setzen, sie werden zuverlässig an die Neukundentarife weitergegeben. Günstiges Gas kostet gerade neun Cent brutto die Kilowattstunde, Strom 29,2 Cent. Die Lage ist aber unsicher: Gas wird immer noch unter seinen Logistikkosten gehandelt, und es gibt wenig Absicherungsgeschäfte für die Importe. Damit könnten steigende Nachfrage (in China), Dürre und ein weiterer Ausfall der französischen AKW die Neukundentarife für Strom und Gas schnell verteuern. Bestandstarife mit Preisbindung dagegen sind üblicherweise am Großmarkt abgesichert. Seriöse Anbieter kosten oft etwas mehr, weil Sicherungsgeschäfte Kosten verursachen.
Öl
Rohöl kostet 76 Dollar pro Barrel (159 Liter), zwischenzeitlich fiel er sogar nahe seines Jahrestiefs auf 73 Dollar. Laut Commerzbank-Analyst Carsten Fritsch gibt es keinen konkreten Anlass, vielmehr eine Mischung aus konjunkturbedingten Nachfragesorgen, üppigen russischen Exporten und Unsicherheit vor der Opec+-Sitzung am vergangenen Wochenende.
Es gebe derzeit einen Interessenkonflikt: Denn Öl der Sorte Urals wird gerade knapp unter 60 Dollar pro Fass gehandelt. Würde der Preis über 60 Dollar steigen, griffe das G7-Embargo. Das brächte Russland in Schwierigkeiten, sein Öl auszuschiffen. Gleichzeitig wolle Saudi- Arabien einen Preis über 80 Dollar, um sein Budget auszugleichen. Laut Commerzbank-Chef-Rohstoff-Analystin Thu Lan Nguyen kommt es jetzt darauf an: Saudi-Arabien hat im Alleingang eine Förderkürzung für Juli beschlossen, könne sie aber kaum ausweiten, ohne Marktanteile zu verlieren. Aufgrund der wirtschaftlichen Erholung in Asien erwartet Nguyen deshalb bis Jahresende einen moderaten Preisanstieg bis 90 Dollar. Sollte die globale Konjunktur sich aber wieder erholen, könnten die Preise – wie 2021 – deutlich drastischer anziehen.
. Tipp für Verbraucher
Die Lage am Ölmarkt ist volatil und bietet Chancen, erklärt Oliver Klapschus vom Vergleichsportal Heziöl24: „In diesem Sommer könnten durchaus neue Preistiefs beim Heizöl ausgetestet werden, in Bayern auch unter 85 Cent.“
Pellets
Nach ihren jüngsten Jahrestiefs haben Pellets wieder etwas angezogen, auf gestern 382 Euro. Oliver Klapschus beunruhigt das nicht: „Die Pellets sind etwas teurer geworden, aber man muss auch sehen, wo wir herkommen: Im Spätsommer 2022 hatte die Tonne noch 800 Euro gekostet, Ende April waren es 316 Euro.“ Seine Prognose: „Es kann vielleicht noch auf 400 Euro die Tonne hochgehen, im Laufe des Sommers aber auch noch mal günstiger werden.“ Ausschläge wie 2022 erwartet Klapschus dieses Jahr nicht.