„Uns läuft die Zeit davon“

von Redaktion

INTERVIEW Chemiebranche fürchtet Deindustrialisierung – Industriestrompreis unverzichtbar

München – Deutschland ist in die Rezession geschlittert, und die wirtschaftlichen Aussichten sind durchwachsen. Eine Branche, die aktuell besonders im Fokus steht, ist die chemische Industrie – eine Schlüsselindustrie in Deutschland, die aber besonders unter hohen Energiepreisen leidet. Viele Unternehmen der Branchen investieren inzwischen lieber im Ausland. Wir sprachen mit dem VCI-Verbandschef, Wolfgang Große Entrup.

In Deutschland trübt sich das wirtschaftliche Umfeld weiter ein. Wie ernst ist die Lage?

Die Lage ist dramatisch. Dabei ist das ganze Ausmaß der Krise derzeit noch nicht einmal voll erkennbar, weil uns wegen des Arbeitskräftemangels und entsprechend moderater Arbeitslosenzahlen ein zentraler Krisenindikator der früheren Jahre fehlt. Aber die Industrie in Deutschland steht vor existenziellen Herausforderungen – und wir haben nicht das Gefühl, dass die flankierenden Maßnahmen der Politik auch nur ansatzweise ausreichen, um die Probleme in den Griff zu kriegen.

Steht Deutschland vor dem Rückfall in die Rezession?

Die technische Rezession haben wir ja schon. Jetzt schlittern wir auch noch in eine mentale Rezession, weil immer mehr Unternehmerinnen und Unternehmer den Standort Deutschland nicht mehr für zukunftsfähig halten und sich auf breiter Front zurückhalten.

Woran machen Sie das fest?

Die Skepsis erstreckt sich inzwischen auf völlig unterschiedliche Bereiche – ob das die grassierende Zurückhaltung bei Investitionen in Forschung und Entwicklung oder Produktionserweiterungen sind oder immer tiefer sitzende Zweifel, dass die geplante Transformation von fossilen zu regenerativen Energiequellen in Deutschland gelingen kann.

Wie groß ist die Sorge bei den Unternehmen denn konkret?

Die Sorge ist derzeit riesig. Ich nenne Ihnen mal ein Beispiel: Ich habe unlängst mit dem Chef eines bayerischen Unternehmens gesprochen, das seit über 100 Jahren fest im Freistaat verwurzelt ist. Die denken jetzt erstmals darüber nach, in Singapur und anderen asiatischen Standorten eine Dependance aufzumachen, weil sie mit Blick auf die Energiewende sagen: Ich kriege hier womöglich bald gar keinen Strom mehr, zum Beispiel, weil noch immer 12 000 Kilometer Strom-Leitungen in Deutschland fehlen und statt der von Olaf Scholz versprochenen vier bis fünf Windkraftanlagen pro Tag gerade mal eineinhalb am Tag fertig werden. Das sind alles Dinge, die zeigen: Wir müssen viel mehr Gas geben, damit Unternehmerinnen und Unternehmer wieder eine Zukunft sehen am Standort Deutschland – sonst kommt die Deindustrialisierung hier schneller, als wir alle ahnen.

Was bedeutet diese Entwicklung für die Chemieindustrie in Deutschland?

Die Chemieindustrie – ohne Pharma – hatte im ersten Quartal gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum ein Produktionsminus von knapp 20 Prozent zu verkraften. Das dürfte sich im Jahresverlauf kaum verbessern – im Gegenteil. Und Sie dürfen nicht vergessen: Die Entwicklung in unserer Branche ist ein klassischer Frühindikator, weil wir mit dem Großteil unserer Produkte am Beginn fast aller Wertschöpfungsketten stehen. Was sich also bei uns jetzt bemerkbar macht, wird sich mit entsprechender Verzögerung in praktisch allen anderen Branchen niederschlagen.

Der VCI hat im Mai nach einem schwachen Jahresauftakt gehofft, die Talsohle sei bereits durchschritten. War das womöglich etwas voreilig?

Zum Jahresbeginn haben die meisten Wirtschaftsforschungsinstitute und viele Unternehmen an eine konjunkturelle Erholung im Jahresverlauf geglaubt, insbesondere auch in China. Doch wir sehen im deutschen Markt derzeit keinerlei Impulse, denken Sie nur an die anhaltende Konsum-Zurückhaltung bei den privaten Haushalten. Diese Risiken haben wir – ähnlich wie viele andere – unterschätzt.

Wird es im zweiten Halbjahr eher schlechter als zuletzt erwartet?

Die Produktion unserer Branche insgesamt liegt im bisherigen Jahresverlauf auf sehr niedrigem Niveau. Von Januar bis April lagen wir bei minus zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch der Branchenumsatz ist seit Monaten rückläufig. Der Auftragsmangel macht den Unternehmen zunehmend zu schaffen. Klar ist: Wir werden die Prognose aus dem Frühjahr revidieren. Leider nicht zum Positiven.

Ein großer Hemmschuh für die Chemieindustrie sind die hohen Energiekosten. Um energieintensive Unternehmen zu entlasten, plant Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck einen stark vergünstigten Industriestrompreis. Haben Sie sich schon eine Flasche Sekt gegönnt?

Nein. Denn wir sehen am fernen Horizont bislang nur eine Möhre. Und der Weg bis zum Genuss ist noch weit. Bisher haben wir weder eine Einigung der Bundesregierung noch grünes Licht von der EU. Uns läuft die Zeit davon.

Aber die Einführung des Industriestrompreises ist unverzichtbar?

Absolut. Der Industriestrompreis ist ein Must-have. Denn verglichen mit anderen Ländern hatte Deutschland bereits vor der Corona-Krise international die mit Abstand höchsten Energiepreise. Dieser Rückstand ist mit dem Ukraine-Krieg noch größer geworden. Aber wir sind eine Exportnation. Einen solch massiven Wettbewerbsnachteil können wir auf Dauer nicht durchhalten. Deswegen ist es elementar, dass sich auch die Bundesregierung der Thematik stellt und die Industrie endlich entlastet.

Die Pläne könnten den Steuerzahler laut Habeck insgesamt rund 25 bis 30 Milliarden Euro kosten. Warum sollte der Steuerzahler hier einspringen?

Der Industriestrompreis ist eine Investition in die Sicherung des Wirtschaftsstandortes Deutschland und bewahrt uns damit mittelfristig vor höheren Ausgaben in Arbeitslosigkeit und Strukturförderung. Das ist eine klare Win-win-Situation. Davon abgesehen: Wir haben es als Standort Deutschland geschafft, Herausforderungen wie die Finanzkrise oder Corona in Deutschland aufgrund unseres industriellen Kerns zu überstehen. Das unterscheidet uns signifikant von anderen Nationen wie etwa England und Frankreich. Dieser industrielle Kern ist mit einer Wertschöpfungskette verbunden. Diese Struktur müssen wir erhalten. Wenn das nicht gelingt, werden in einem Dominoeffekt weitere Wertschöpfungsketten wegbrechen – mit allen volkswirtschaftlichen Konsequenzen. Ich kann nur jedem raten, mal nach England zu fahren und sich anzuschauen, was passiert, wenn dieser industrielle Kern verloren geht.

Der Industriestrompreis ist unter Volkswirten aber ziemlich umstritten. Man könne wichtige Grundstoffe auch aus anderen Ländern zu günstigeren Konditionen importieren, sagen Ökonomen. Das lehnen Sie ab. Warum?

Weil ich nicht über ein Kurzzeitgedächtnis verfüge, sondern auf langfristige Industriepolitik setze. Wir haben in der Corona-Krise viel über Resilienz gelernt. Daher kann ich nur staunen, dass wir das jetzt alles über Bord schmeißen wollen und sagen: „Lasst uns abhängig von internationalen Zulieferern werden, die uns elementare Bestandteile für unseren Wirtschaftsstandort liefern sollen.“ Das ist Wahnsinn.

Nun sehen Volkswirte wie die Wirtschaftsweise Veronika Grimm einen möglichen Industriestrompreis auch deshalb kritisch, weil sie befürchten, dass mit diesem Geld Unternehmen am Leben gehalten werden, die eigentlich nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Was sagen Sie den Ökonomen?

Der Industriestandort Deutschland ist nur mit Schubidu nicht zu erhalten. Wir leisten substanzielle Beiträge zur wichtigen Transformation: Ohne Chemie, ohne Grundchemie, ohne energieintensive Industrien funktioniert kein Windrad, keine Batterie und keine moderne Mobilität. Natürlich können wir auf den kompletten tertiären Bereich setzen und versuchen, uns mit Banken, Versicherungen und ähnlichen Dienstleistungen über Wasser zu halten. Aber noch mal: Was Deutschland auszeichnet, ist der industrielle Kern samt hochprofitabler Wertschöpfungsketten. Wenn wir da mit der Kettensäge rangehen, wird das weitreichende Auswirkungen auf den Standort Deutschland haben.

Was muss passieren?

Wir brauchen einen klaren Plan, wie wir in Deutschland mit den Themen Energie, Infrastruktur, Arbeitskräfte, Genehmigungen oder Bürokratie umgehen wollen. Das ist die Bodenplatte für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Und das ist auch unser Appell an die Bundesregierung und Olaf Scholz: Gehen Sie diese Themen jetzt endlich konzertiert und sehr zügig an – sonst wird die Lage in Deutschland sehr schnell sehr düster. Ähnlich wie bei der „Agenda 2010“ brauchen wir jetzt eine „Offensive 2030“.

Was schwebt Ihnen konkret vor?

Wir brauchen ein amerikanisches Mindset des Machens und Ermöglichens und nicht das deutsch-europäische Erzwingen mit der Peitsche. Vernunft muss im Vordergrund stehen, nicht Ideologie. Sonst fahren wir nicht nur die Industrie, sondern die komplette Transformation zur Klimaneutralität an die Wand. Ich will Ihnen drei Punkte nennen, die wir für zwingend halten: eine sichere Energieversorgung und wettbewerbsfähige Preise für Strom und Gas. Eine Entfesselung vom Bürokratiewahnsinn, der unseren Unternehmen die Luft zum Atmen nimmt. Das schließt einen Turbo für Genehmigungsverfahren ein, die bisher jahrelang dauern. Und Deutschland muss attraktiver werden für in- und ausländische Fach- und Arbeitskräfte.

Interview: Thomas Schmidtutz

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