„Grüne Technik ist ein Zukunftsmarkt“

von Redaktion

INTERVIEW Ökofonds-Manager über den Wegzug der Solarindustrie

Deutschland und die Welt wollen weg von Kohle, Öl und Gas und hin zu Erneuerbaren Energien, Klimaschutz, Energieeffizienz und einem allgemein nachhaltigeren Lebensstil. Viele Bürger und auch Unternehmen sehen das als Belastung. Doch der Wandel birgt auch Chancen. Ökoworld-Fondsmanager Nedim Kaplan ist für seinen zwei Milliarden Euro großen Fonds Ökovision Classic – einem der größten und ältesten Fonds in diesem Bereich in Deutschland – auf der Suche nach Gewinnern des Umbruchs. Und die sitzen bisher selten in Deutschland.

Herr Kaplan, Deutschland hat lange über das Heizungsgesetz der Ampel gestritten, das nach der Sommerpause verabschiedet werden soll. Wie finden Sie die Debatte?

Die Debatte ist überfällig. Wir müssen auch beim Heizen weg von Öl und Gas. Fast ein Drittel der klimaschädlichen Emissionen in Deutschland entstehen durch das Heizen. Allein über Verbote geht der Umstieg aber nicht, man muss die Menschen überzeugen, dass er ökologisch nötig ist. Und er muss sich letztlich für den Einzelnen halbwegs rechnen. Ist das nicht der Fall, wird es schwierig.

Man will nicht nur beim Heizen weg von fossilen Energien, die lange sehr billig waren. Kritiker sagen, das stürze die Wirtschaft in Probleme und koste uns Wohlstand. Sehen Sie das auch so?

Wie bei jedem Umbruch wird es Gewinner und Verlierer geben. 2022 hat man gut gesehen, dass Branchen wie die chemische Industrie, die stark auf fossile Energieträger setzen, massive Probleme bekommen haben, als Öl und Gas durch den Krieg in der Ukraine plötzlich teuer wurde. Unternehmen, die schon länger am Umstieg auf Erneuerbare arbeiten, waren dagegen von der Preisexplosion weit weniger betroffen. Diese Krise gibt einen Vorgeschmack darauf, wie sich die Wirtschaftswelt verändern könnte. Mittelfristig werden alle Unternehmen in Bedrängnis kommen, die den Umstieg hinauszögern und weitermachen wie bisher.

Wer nicht schnell reagiert, verpasst den Anschluss?

Genau. Das war schon bei der deutschen Autoindustrie so. Sie hat den Umstieg auf die Elektromobilität so lange es ging verschleppt und Konkurrenten wie Tesla belächelt. Heute hecheln die einstigen Branchenführer VW, BMW oder Mercedes diesen Firmen hinterher und könnten abgehängt werden. Das gleiche Schicksal droht Konzernen wie BASF. Auch in energieintensiven Bereichen gibt es innovative Firmen, die versuchen, einen nachhaltigeren Weg zu gehen – und damit Erfolg haben könnten.

Mit Ihrem Fonds suchen Sie künftige Gewinner. Wer ist das zum Beispiel?

Der Wärmepumpenhersteller Nibe etwa. Durch die Diskussionen der letzten Wochen wissen wir ja, wie zentral Wärmepumpen für die Wärmewende sind. In Skandinavien gibt es bereits einen hohen Anteil von ihnen, weshalb es kein Zufall ist, dass Nibe aus Schweden kommt. Wir haben die US-Firma Xylem im Fonds, die in der Wasseraufbereitung aktiv ist. Wir haben ASML aus Norwegen, einen riesigen Zulieferer für die Halbleiterindustrie. Die Digitalisierung ist für Klimaschutz und Energieeffizienz ja enorm wichtig. Unter dem Strich sind das also viele Unternehmen aus den USA, Asien und Skandinavien.

Und aus Deutschland?

Haben wir zum Beispiel den Solar- und Windparkbetreiber Encavis oder den Wechselrichterhersteller SMA Solar im Fonds. Insgesamt muss man aber sagen: In den Nullerjahren war Deutschland das Solarland schlechthin und damit ein Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit. Wir haben diesen Vorsprung aber leichtfertig verschenkt.

Weshalb?

China hat uns diese Schlüsselindustrie mit vielen Subventionen abgeluchst und deutsche Firmen aus dem Markt gedrückt, leider teilweise auch durch unlauteren Wettbewerb. Gleichzeitig wurde hierzulande aber zu wenig dafür getan, die Solarindustrie zu halten. Das lag unter anderem an der Arbeit von Lobbyisten. Und daran, dass einige Entscheider die Energiewende als Spinnerei abgetan haben. So hat Deutschland eine riesige Chance verpasst. Heute verdienen vor allem die Chinesen an der Energiewende.

Gibt es eine Chance, die Industrie zurückzuholen?

Die Solarfirma Meyer Burger will zum Beispiel wieder stärker in Deutschland produzieren und baut eine Fabrik bei Dresden. Aber das geht nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen und die Branche gefördert wird. Das wäre auch in unserem eigenen Interesse, denn die Erneuerbaren Energien werden weltweit massiv ausgebaut. Hier winkt also ein gutes Geschäft.

Was ist mit anderen grünen Technologien?

Wir haben in Deutschland einige sehr innovative Firmen im Umweltbereich, etwa was Energieeffizienz, Batteriespeicher oder Kreislaufwirtschaft betrifft. Doch die müssten entsprechend gefördert werden. Die USA tun das mit ihrem Inflation Reduction Act und werden deshalb als Standort für die Produktion von Erneuerbaren Energien, Elektroautos oder Batterien gerade sehr attraktiv. Hier droht sich Geschichte zu wiederholen. Aus deutscher Sicht wäre das fatal, denn grüne Technologien sind ein absoluter Zukunftsmarkt.

Trotzdem sind die Kurse vieler Aktien aus dem Ökobereich seit 2022 gefallen – obwohl es durch den Ukraine-Krieg einen Schub bei Erneuerbaren Energien gibt. Ihren Fonds hat das hart getroffen. Wie passt das bitte zur These, dass Umwelt- und Klimatechnik vor goldenen Zeiten stehen?

Da spielten mehrere Faktoren zusammen. Zunächst einmal gab es für den ganzen Aktienmarkt einen Schock, weil die Notenbanken wegen der hohen Inflation die Zinsen angehoben haben. Das ist nie gut für Aktien. Zweitens waren Aktien aus dem Ökobereich schon zuvor sehr stark gelaufen, weshalb es dort eine besonders scharfe Korrektur gab. Unser Fonds hat von 2009 bis 2021 rund 400 Prozent Gewinn gemacht. Drittens erlebten einige Industrien eine Renaissance, in die wir aus Prinzip nicht investieren: Öl und Gas zum Beispiel oder Rüstung. Und viertens kaufen wir vor allem kleine und mittelgroße Unternehmen. Und die sind besonders unter die Räder gekommen. In den letzten Wochen hat sich die Lage aber wieder gebessert und wir fangen jetzt an, die Verluste aufzuholen.

Ist das aus Ihrer Sicht die Trendwende?

Langfristig sind die Aussichten für nachhaltige Unternehmen jedenfalls bestens. Auch immer mehr normale Firmen springen deshalb auf den Nachhaltigkeitszug auf. Das ist nicht nur eine Imagefrage. Dinge wie Energieeffizienz, Recycling oder der Einsatz Erneuerbarer Energien sind ja nicht nur gut für die Umwelt, sondern rechnen sich für die Firmen auch. Deshalb werden sich viele nachhaltige Trends langfristig durchsetzen. Das beschert Herstellern riesige Wachstumsraten, bei Wärmepumpen sind es aktuell zum Beispiel 30 Prozent pro Jahr und mehr. Branchen mit vergleichbarer Dynamik muss man erst einmal finden.

Interview: Andreas Höß

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