Günstigerer Strom – ganz ohne Förderung

von Redaktion

VON MATTHIAS SCHNEIDER

München – Es ist ein seltener Anblick in Bayern: Imposant dreht sich das große Windrad im Norden Münchens über der A9. Entsprechend bedeutsam ist sein Einsatz: Mit dem Strom wird Münchner Helles gebraut. Denn 2020 hat die Augustiner-Brauerei über einen Stromliefervertrag – kurz PPA – die Erträge des Windrads eingekauft. Regionaler Strom für regionales Bier, so die Devise. Und in der Energiekrise hat der Vertrag eine weitere Qualität bekommen: „Das PPA sichert unserem Betrieb langfristig Strommengen und -preise und bietet somit hohe Planungssicherheit über viele Jahre“, sagt Augustiner-Geschäftsführer Werner Mayer. Der Windstrom ergänzt die hauseigenen Kraftwerke – und die Brauerei ist zufrieden damit: „Wir konnten das PPA sogar kürzlich erst verlängern. Wenn die Konditionen wieder so passen, würden wir sicherlich wieder ein PPA abschließen.“

Inzwischen sind solche Strom-Direktverträge kein Nischenthema mehr. Unter den Namen „Strompartnerschaft“ und „Eigenstrom-PPA“ werden die Kontrakte politisch gerade als Möglichkeit gehandelt, Unternehmen mit günstigerem Grünstrom zu versorgen. Doch wie funktioniert das?

Das weiß Tobias Federico, Chef der Beratungsagentur Energy Brainpool, die auch regelmäßig Schulungen zum Thema veranstaltet: „Ein PPA – kurz für Power Purchase Agreement – ist im Grunde ein Langstromvertrag“, erklärt Federico.

Das ist eigentlich ein altes Konzept, bei dem Unternehmen und Energieerzeuger einen bilateralen Vertrag schließen. „Als der Markt in den 90ern liberalisiert wurde, haben sich Erzeugung und Energiehandel aber getrennt, um die Verbraucherpreise zu senken, wurde der meiste Strom über die Börse gehandelt. Die Versorger kaufen den Strom in Tranchen ein und bilden daraus einen Preis für Verbraucher.“

Erst seit Kurzem ist das PPA wieder in Mode: „Nach 20 Jahren sind viele geförderte grüne Kraftwerke aus der EEG-Förderung gefallen, waren aber noch funktionstüchtig. Die Betreiber haben dann den Strom der abgeschriebenen Anlagen günstig über ein PPA verkaufen können“, erklärt Energie-Experte Tobias Federico.

Inzwischen sind die PPAs aber auch zur Vollfinanzierung beliebt: „Die Bank gibt nur einen Kredit für ein Windrad, wenn ein bestimmter Strompreis über 15 oder 20 Jahre garantiert ist“, so Federico. Die Lösung: Ein Direktvertrag mit einem industriellen Verbraucher. „Grüne PPAs liegen unter den Marktpreisen für Strom und sind daher sehr beliebt bei Unternehmen.“

Praktisch handelt es sich um eine Mischkalkulation: „Man vereinbart ein PPA und dazu einen Basistarif – beide meist beim selben Anbieter“, erklärt Federico. „Wenn die grüne Anlage günstigen Strom liefert, wird der abgenommen, falls nicht, gibt es den konventionellen Strom von der Börse.“ Das senkt die Preise für die Verbraucher und für die Anlagenbetreiber entfällt das Marktrisiko zu großen Teilen – eine Win-win-Situation. Dazu schaffen die Verträge Stabilität: Weil die Kosten für Erneuerbare Energien quasi nur beim Anlagenbau entstehen, kann man den Strompreis leicht über 15 Jahre festschreiben – eine Sicherheit die es an der Strombörse kaum gibt.

Federico: „Ich bin ein großer Fan von PPAs weil sie den Ausbau der Erneuerbaren rein marktgetrieben ohne EEG-Förderung finanzieren.“ Doch genau dieses Modell steht gerade auf der Kippe: „Durch die hohen Material- und Zinskosten kommen wir gerade an einen Kipppunkt: Noch sind die Margen so hoch, dass es für Investoren interessant ist. Das dürfte sich aber in den kommenden Monaten ändern.“

Doch eine Rückkehr zur EEG-Förderung wolle auch niemand. „Beliebt sind etwa in Großbritannien Differenzverträge, also Contracts for Difference.“ Dabei handelt es sich um ein staatliches Werkzeug: „Man vereinbart einen Verkaufspreis pro Megawattstunde, der die Anlage auskömmlich finanziert. Liegt der Erlös darüber, bekommt der Staat den Überschuss, liegt er darunter, bezahlt er die Differenz.“

In Deutschland gibt es dieses Modell noch nicht. Stattdessen werden in der aktuellen Debatte um günstigen Industriestrom geförderte PPA-Modelle diskutiert. So fordern etwa die Deutschen Industrie- und Handelskammern unter dem Arbeitstitel „Strompartnerschaften“, den Abschluss eines PPA mit einem Viertel der Baukosten zu bezuschussen. Damit – und gesenkten Gebühren – könne man den Strompreis für große Mengen unter sechs Cent drücken – der Betrag, der auch im umstrittenen Brückenstrompreis veranschlagt ist.

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