München – Es war ein Experiment vor laufender Kamera: Die Organisatoren der gestrigen Siemens-Hauptversammlung hatten neben dem Fernsehstudio einen Arbeitsplatz für einen Roboter aufgebaut. „Danny“ sei der Name des maschinellen Kollegen, sagte Siemens-Chef Roland Busch. Wenige Minuten nach Beginn des Aktionärstreffens wurde der Roboter per Sprachsteuerung programmiert und sollte damit in die Lage versetzt werden, Teile zu sortieren – selbstlernend.
Das Programm wurde gestartet, Busch ging zurück ins Fernsehstudio und setzte seine Rede an die Aktionäre fort. Er sprach darüber, worüber er seit seinem Amtsantritt im Jahr 2021 eigentlich immer spricht: Wie es Siemens gelingen soll, die reale und die digitale Welt zu verbinden.
Nach etwa einer halben Stunde ging Busch zurück an den Arbeitsplatz des Roboters. Das Experiment war geglückt, dank Künstlicher Intelligenz hatte der Roboter gelernt, kleine Pakete von einer Kiste in die andere zu heben.
Busch verwies darauf, dass Siemens-Aktionäre von seinem Digital-Kurs profitieren. „2023 war ein weiteres Rekordjahr – das dritte in Folge.“ Der Gewinn nach Steuern habe sich auf 8,5 Milliarden Euro fast verdoppelt. Die Aktionäre sollen mit einer Dividende von 4,70 Euro am Gewinn beteiligt werden, 45 Cent mehr als vor einem Jahr.
Aktionärsvertreter, die sich per Video-Schalte zu Wort meldeten, stärkten der Siemens-Führung den Rücken, äußerten aber auch Kritik. Vera Diehl vom Volksbanken-Fondsanbieter Union Investment sagte: „Herr Busch, operativ läuft alles rund bei Siemens, aber das reicht dem Kapitalmarkt nicht.“ Die Siemens-Aktie habe Anlegern in drei Jahren eine Gesamtrendite von 33 Prozent beschert, der MSCI World Industrials Index habe 42 Prozent geschafft. Die begonnene Entflechtung von Siemens müsse weitergehen, „damit wir endlich einen fokussierten Technologiekonzern ohne Konglomeratsabschlag bekommen“.
Ingo Speich vom Sparkassen-Fondsanbieter Deka Investments sagte: Die Siemens-Aktionäre würden mit einer „sehr guten“ Dividende bedacht, aber auch er forderte eine Entflechtung. Die „Konglomeratsstruktur“ müsse zurückgeführt, Siemens müsse „entschlackt“ werden. „Der richtige Zeitpunkt zum Verkauf der Beteiligung von Siemens Energy wurde leider verpasst.“ Der Aktienkurs von Siemens Energy war in den vergangenen Monaten abgestürzt. Bei Siemens Healthineers forderte Speich einen Abbau der Beteiligung auf knapp über 50 Prozent – aktuell hält die Münchner Siemens AG 75 Prozent am Medizintechnikkonzern aus Erlangen. Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sagte: „Ich glaube persönlich, dass Siemens Healthineers sehr gut zu Siemens passt, bei der Zugsparte bin ich mir nicht so sicher.“
In fast allen Redebeiträgen äußerten Aktionäre Kritik am Online-Format des Aktionärstreffens. Für das kommende Jahr forderten sie eine hybride Hauptversammlung (HV), bei der Aktionäre die Wahl haben, in Präsenz oder online teilzunehmen. „Siemens könnte mit diesem innovativen HV-Format Vorreiter sein und die reale mit der digitalen Welt verbinden“, sagte Fondsmanagerin Vera Diehl in Anspielung auf Buschs Digital-Strategie. Dass die gestrige Veranstaltung nicht vor Live-Publikum stattfand, bedauerte sie: „Nach einem so starken Jahr wäre Siemens der lebhafte Beifall der Aktionäre in der Münchner Olympiahalle sicher gewesen.“