Studie: Freistaat braucht tausend neue Windräder

von Redaktion

München – Trotz aller Mühen ist die Energiewende 2023 aus Sicht der bayerischen Wirtschaft nicht wirklich vorangekommen: „Man sieht, dass wir offensichtlich sehr gut im planen sind“, sagte Almut Kirchner, Direktorin bei der Prognos AG, die das 12. Energiewendemonitoring für die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw) geschrieben hat. Bertram Brossardt, Chef der vbw, forderte Vorrang für Erneuerbare Energien und verbittet sich weitere Verzögerungen beim Bau der Stromautobahnen. Mehrfach betont er: Neue Arbeitsplätze wird es nur dort geben, wo genug günstiger grüner Strom fließt.

Es ist das Gegenteil von dem, was noch vor wenigen Jahrzehnten als wirtschaftsfreundliche Energiepolitik galt: Möglichst viele fossile Kraftwerke, möglichst wenig Stromnetze, um die Kosten niedrig zu halten. Die vbw hat aber nicht nur dem Klima zuliebe gute Gründe für ihren konsequenten Energiewende-Kurs: Es geht um die Existenz des Standortes.

Durch den Ukraine-Krieg ist der Strom aus Gas teuer geworden. Weil die EU-Kommission die CO2-Zertifikate verknappt hat sind seit 2019 auch Kohlekraftwerke am Markt meist teurer, als Strom aus Wind und Sonne. Deshalb fordert Brossardt hier Tempo.

Bayern hat zwar so viele Solarleistung wie kein anderes Land, doch den Großteil der Jahresstunden liefern die kaum Strom. „Gerade für den Winter brauchen wir das Einspeiseprofil der Windkraft“, so Prognos-Direktorin Almut Kirchner. Der Freistaat brauche mindestens 1000 neue Anlagen, 2023 wurden genau sieben zugebaut. Um die Ziele im Freistaat zu erreichen, müsste sich das Tempo verzwanzigfachen, sagte Brossardt gestern. Dabei sei es kein gutes Zeichen, dass Bayerns größter Windpark in Altötting gerade von Protesten bedroht wird. Auch mit dem Import von Windstrom tut sich der Freistaat schwer: Hubert Aiwanger (Freie Wähler) und Horst Seehofer (CSU) hatten die Stromautobahnen an die Nordsee jahrelang bekämpft, wodurch sich die Fertigstellung von 2022 – zur geplanten Abschaltung der AKW – auf bestenfalls 2027 verschob. Laut vbw ist Deutschland aktuell 2000 Trassenkilometer hinter dem Plan. Deshalb ist Bayern oft auf Stromimporte und teure Gaskraftwerke angewiesen, während in Norddeutschland Windräder abgeschaltet werden, weil der Strom nicht abtransportiert werden kann. Die EU-Marktaufsicht droht deshalb, Süddeutschland vom norddeutschen Strommarkt abzuschneiden, wodurch der Strom in Bayern deutlich teurer würde.

Eine der wichtigsten Missionen der vbw ist deshalb gerade, die Energiewende so rasch wie möglich voranzutreiben.

Auch in Brüssel veranstaltete Brossardt kürzlich eine Veranstaltung mit EU-Politikern. Die Botschaft: Windräder und Stromtrassen kommen jetzt, es gibt keinen Grund mehr, den Strommarkt zu teilen. Bis genügend grüner Strom im Netz ist fordert Brossardt aber einen bezahlbaren Brückenstrompreis und eine erneute Subventionierung der Netzentgelte.

Dem von der Union, FDP und der AfD wiederholt geforderten Renaissance der Atomenergie in Deutschland erteilte Brossardt aber eine klare Absage. Derzeit sei die Investition in neue Kernkraftwerke die mit Abstand „teuerste Form der Energieerzeugung“, begründet Almut Kirchner. Wer das fordere, müsse so ehrlich sein, dass die Kosten der Steuerzahler tragen müsse, da die notwendigen Investitionen niemals am Strommarkt refinanziert werden könnten. MATTHIAS SCHNEIDER

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