Berlin – Aufatmen vor Ostern: Die Bahn und die Lokführergewerkschaft GDL haben sich in ihrem monatelangen Tarifstreit geeinigt und sich auf eine 35-Stunden-Woche ab dem Jahr 2029 bei vollem Lohnausgleich verständigt. Wer freiwillig mehr arbeiten möchte, kann das tun und bekommt dafür pro zusätzlicher Wochenstunde 2,7 Prozent mehr Lohn. Die Bahn sprach von einem „intelligenten Kompromiss“ – Streiks der GDL wurden bis Anfang 2026 abgewendet.
„Die Unterschriften sind drunter, wir können uns alle auf die Ostertage freuen und eifrig Bahn fahren“, sagte Bahn-Personalvorstand Martin Seiler, nachdem in der Nacht zum Dienstag die letzten Details der Tarifeinigung gelungen waren. Knackpunkt war lange die Forderung der GDL nach einer 35-Stunden-Woche für alle Beschäftigten im Schichtdienst bei vollem Lohnausgleich. Mehrfach rief die Gewerkschaft in der Tarifrunde zu teils tagelangen Streiks auf, um das zu untermauern.
Nun wurde ein Optionsmodell vereinbart: Die „Referenzarbeitszeit“ sinkt demnach 2026 auf 37 Stunden pro Woche, 2027 auf 36 Stunden und 2028 auf 35,5 Stunden. Im Jahr 2025 werden die Beschäftigten gefragt, ob sie ab folgendem Januar 37 Stunden oder mehr arbeiten wollen; wer nicht antwortet, geht automatisch auf 37 Stunden. In den nachfolgenden Jahren ist es anders herum: Wer sich nicht meldet, bleibt bei der höheren Wochenstundenzahl, erhält aber auch entsprechend mehr Geld.
Die Bahn hatte lange den Arbeits- und Fachkräftemangel als Grund für ihre Ablehnung einer pauschal geringeren Wochenarbeitszeit für alle ins Feld geführt. Mit dem nun gefundenen Kompromiss zeigte sie sich zuversichtlich bei diesem Thema. „Ich bin überzeugt davon, dass viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch durchaus mehr arbeiten wollen – zumindest sind das die Signale, die wir erhalten“, sagte Seiler. Da zugleich im Zuge der Tarifeinigung der Umfang des Urlaubswahlmodells reduziert wurde, „sind wir der Überzeugung, dass wir diese Kapazitäten leisten können“, sagte der Bahn-Manager zur finanziellen Belastung durch den Tarifabschluss weiter. Außerdem komme der erste Schritt der möglichen Arbeitszeitverkürzung erst 2026. „Wir haben also noch eindreiviertel Jahre Zeit, um uns entsprechend vorzubereiten.“
Nichtsdestotrotz müsse sich die Bahn „weiter auf dem Arbeitsmarkt anstrengen“.
Die Tarifpartner einigten sich außerdem auf eine Inflationsausgleichsprämie von 2850 Euro, die in zwei Tranchen ausgezahlt wird, sowie eine Lohnerhöhung um insgesamt 420 Euro pro Monat in zwei Schritten – eine in diesem und eine im kommenden Jahr. Die Laufzeit des Tarifvertrags beträgt 26 Monate rückwirkend ab dem 1. November 2023. Anschließend gilt noch eine zweimonatige Verhandlungsphase mit Friedenspflicht ohne Streiks – Arbeitskämpfe durch die GDL sind also bis Ende Februar 2026 ausgeschlossen.
Nach der Einigung im Tarifstreit mit der Bahn hat die Lokführergewerkschaft GDL den Anwendungsbereich der erzielten Ergebnisse kritisiert. Der aktuelle Tarifkonflikt sei zwar beigelegt, die Auseinandersetzung mit der Bahn sei aber „noch lange nicht zu Ende“, sagte GDL-Chef Claus Weselsky am Dienstag. Die Bahn wolle das Tarifergebnis „in nur 18 Betrieben anwenden“ und das bedeute für Zehntausende, dass sie die Tarifverbesserungen „nicht erhalten sollen“.
Das liege am Tarifeinheitsgesetz (TEG), das von der Bahn „tendenziös“ angewendet werde, „mit dem Ziel, die GDL in die Knie zu zwingen“. Die GDL kritisiert das TEG seit langem. Es wird bei der Bahn seit Anfang 2021 umgesetzt und soll Tarifkollisionen vermeiden, denn die GDL und die deutlich größere Konkurrenzgewerkschaft EVG verhandeln teils für dieselben Berufsgruppen. Das TEG besagt, dass in einem Betrieb nur noch die Tarifverträge einer Gewerkschaft gelten und zwar derjenigen, die in dem Betrieb die meisten Mitglieder hat. Nach Angaben der Bahn war das zuletzt in 282 der 300 Betriebe bei der Bahn die EVG und in 18 Betrieben die GDL.