Wo sich Kaufhäuser neu erfinden

von Redaktion

In der Mode für junge Frauen und der Männerabteilung berät Johanna Otto. © Emanuel Gronau

Tolle Weihnachtsboxen hat sich gekauft Saika Gebauer. Beraten hat sie Mitarbeiterin Karin Kaiser. © Emanuel Gronau

Das Kaufhaus Rid in Weilheim ist das älteste Kaufhaus Deutschlands. Florian Lipp leitet es in sechster Generation. © Gronau

Weilheim/Wasserburg am Inn – Das Kaufhaus Rid in Weilheim ist mit fast 185 Jahren das älteste Kaufhaus Deutschlands. „Wir erfinden uns immer wieder neu“, sagt Florian Lipp, der das Familienunternehmen in sechster Generation führt. Neu erfinden heißt: Im vergangenen Jahr hat Lipp die Haushaltswarenabteilung seines Kaufhauses vergrößern lassen, nachdem in Weilheim die letzten Fachgeschäfte für Haushaltswaren weggefallen waren. „Ein Kaufhaus hat es leichter, weil es seine Abteilungen nach der Angebotslücke anpassen kann.“ Seine Idee: Wenn Kunden jetzt eine Pfanne kaufen, nehmen sie im ersten Stock auch noch eine Hose mit. Bislang scheint das Konzept aufzugehen, in Penzberg und Bad Tölz betreibt Lipp weitere Filialen.

„Einkaufen in der Stadt ist ein Erlebnis“, sagt Lipp. Die Menschen schauen sich Schaufenster an und bummeln durch die Läden. Nach dem Einkauf trinken Freundinnen einen Cappuccino im Café, während die Kinder um die Mariensäule laufen. Zur Herbstmodenschau gab die lokale Parfümerie eine Schminkberatung im Kaufhaus. Am ersten Freitag im November erleuchtete das Kaufhaus Rid im Kerzenschein. Demnächst steht ein Lego-Bastel-Wettbewerb an. „Das alles fehlt, wenn der Kunde zu Hause auf der Couch sitzt und online bestellt“, sagt Lipp. Ihn besorgt daher, dass immer weniger Menschen die Innenstädte besuchen. Um den Trend zu stoppen, fordert er, dass die Städte wieder attraktiver werden müssen.

In den vergangenen Jahrzehnten ist die Idee vom Kaufhaus in eine tiefe Krise gestürzt. Jüngster Tiefpunkt: Die Pleite der Signa von Immobilien-Milliardär René Benko, in dessen Folge etliche Filialen von Galeria Karstadt Kaufhof zugesperrt haben oder noch schließen werden. Hinzu kommt der Druck durch den stark wachsenden Online-Handel. Auch oberbayerische Familienkaufhäuser sind vom Kaufrückgang im stationären Handel betroffen. Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern erinnert sich an das Cityhaus in Traunreut, das 2017 schließen musste. Trotzdem gelingt es Kaufhäusern wie Rid in Weilheim, sich zu halten. Was ist ihr Geheimnis?

„Das eine Patentrezept gibt es nicht“, sagt Bernd Ohlmann vom Handelsverband. Ein Vorteil sei sicher, wenn Händlern die Immobilie selbst gehöre, sagt er. Das bedeutet: Sie müssen keine regelmäßige Miete bezahlen. „Viel wichtiger dürfte aber sein, dass gerade in den Mittelstädten die Kaufhäuser eine wichtige soziale Funktion erfüllen“, betont Ohlmann. „Die Kaufhäuser sind wie Magnete, weswegen die Leute in die Stadt gehen und auf dem Weg in anderen Läden vorbeischauen.“ Auch würden die Inhaber dieser Kaufhäuser ihre Kunden oft sehr gut kennen – und ihr Angebot entsprechend an die Bedürfnisse der Kundschaft anpassen.

Im Kaufhaus Rid gibt es vom Kochtopf bis zur Damenunterwäsche alles. Auf 2000 Quadratmetern kann es nicht die gleiche Vielfalt wie ein Onlinehändler bieten. Die Einkäufer treffen eine Vorauswahl. Als Ulrike Bauer vor 35 Jahren im Kaufhaus anfing, gab es getrennte Hosen- und Pulloverabteilungen. Heute ist alles nach Marken aufgebaut. Statt dreimal im Jahr sind es heute zehn Liefertermine. „Die Mode ändert sich schneller“, sagt Bauer. Vor ein paar Wochen hat Cartoon eine ältere Marke abgelöst.

Auf jedem der vier Stockwerke beraten Mitarbeiter. „Kunden kaufen bei uns wegen der Beratung“, sagt Lipp. Aber es werde wie in jeder Branche schwieriger, gutes Personal zu finden. Um die Mitarbeiter kümmert sich Johanna Otto. Sie berät im Erdgeschoss in der Männerabteilung und der Mode für junge Frauen. Im Untergeschoss ist Karin Kaiser für die Schreibwarenabteilung zuständig. Zum Schulanfang decken sich die meisten Schüler im Rid ein – die Rede ist von einem sogenannten bedarfsorientierten Konzept.

Ortswechsel: In Wasserburg am Inn im Landkreis Rosenheim, rund 100 Kilometer weiter östlich von Weilheim, steht das Innkaufhaus. Hier verfolgen die Inhaber eine andere Idee: Das sogenannte Erlebniskonzept. 2017 hat Sybille Schumacher mit ihrem Mann das Kaufhaus ihres Vaters übernommen. „Wir wollten etwas anderes probieren“, sagt Sybille Schumacher. Betonboden und hohen Decken sorgen für einen industriellen Flair. Vor einem Monat hat Schumacher knallige Strumpfhosen von einem Berliner Start-up ins Sortiment aufgenommen. Statt grauen Strickjacken gibt es kunterbunte Kleidung. Eine der drei Etagen ist eine flexible Eventfläche, aktuell gibt es hier einen kleinen Weihnachtsmarkt.

Der Wettbewerb mit dem Onlinehandel sei schwer, erzählen die beiden Familienunternehmer. Wer im Internet gezielt suche, werde immer irgendwo irgendeinen finden, der günstiger sei als der stationäre Händler. „Aber im Durchschnitt ist das Internet nicht günstiger“, sagt Lipp. „Der Mythos stimmt nicht.“ Der Inhaber fand dieses Jahr bei einem Onlinehändler einen teureren Schulranzen als bei ihm im Laden. Auch Zalando habe sein Team geprüft: „Im Schnitt ist es der gleiche Preis.“ Trotz aller widrigen Umstände zeigt sich: Noch gibt es sie, die kleinen Kaufhäuser, die dank ihrer Konzepte davon überzeugt sind, auch in Zukunft bestehen zu können.

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