„Der Alex als Moderator“: Landesgruppenchef Dobrindt zum Start der Seeon-Klausur. © dpa
Seeon – Eines der bestgehüteten Geheimnisse der Union ruht leider dort, wo Journalisten nicht leicht hinkommen: Im Sakko von Alexander Dobrindt, linke Innentasche, müsste sich noch ein gefalteter Zettel befinden, darauf Notizen in seiner durchaus leserlichen Handschrift. Dobrindt war dabei, als Friedrich Merz und Markus Söder im September im kleinsten Kreis die Kanzlerkandidatur geklärt haben. Er hat protokolliert, was unter strikter Geheimhaltung an Nebenverabredungen getroffen wurde, welcher Deal/Pakt/Handel da einander in die Hände versprochen wurde. Und er schweigt. Eisern.
Dobrindt, 54, ist Teilen der Öffentlichkeit vor allem außerhalb Oberbayerns nur als schriller Lautsprecher geläufig, da wirken die Jahre als Generalsekretär nach von 2009 bis 2013, und als einer der Maut-Minister bis 2017. Kaum einer drosch so lustvoll und scharf auf Gegner und nötigenfalls Koalitionspartner ein wie er, im Gegenzug ätzte die Opposition „Doofbrindt“. Die Kluft zwischen altem Image und aktueller Aufgabe könnte kaum größer sein: Tatsächlich ist der Peißenberger für die Union zu einem der wichtigsten Strategen und zum zentralen Vermittler geworden. Er versteht Söder. Er versteht Merz. Und beide trauen ihm.
Als Chef der Landesgruppe, also der 43 CSU-Abgeordneten in Berlin, ist er auch Vize der kompletten Unionsfraktion. CDU-Partei- und Fraktionschef Merz schätzt Dobrindts Loyalität, seine Analyse und, so ist zu hören, intern auch Widerspruch. Merz war viele Jahre außerhalb der Politik, zeigt manchmal Probleme beim Formulieren und mit dem extrem viel höheren Tempo heute. Dobrindt fiel ihm da nie in den Rücken, mahnte aber intern, wenn ein TV-Auftritt schlecht war, Stichwort Spendengala im Dezember oder Schwarz-Grün-Streit. Söder wiederum schätzt Dobrindt (obwohl einst von Intimfeind Seehofer aufgebaut) ehrlich, weil er in ihm einen starken Statthalter, aber keinen Stuhlsäger sieht. „Der Alex“, sagt er, biete „tolle Arbeit, tolle Zusammenarbeit, strategische Kompetenz“.
Söder wie Merz wissen: Dobrindt zuzuhören, ist dann spannend, wenn er leise spricht. In der Union können nur wenige komplexere Strategien entwickeln und gut erklären, oft auch mit demoskopischen Befunden untermauert. Der CSU-Mann ist es deshalb, der mit Merz an Inhalten und Absprachen einer künftigen Regierung arbeitet. Keine starren Koalitionsverträge mehr, eher ein konkretes Arbeitsprogramm für 2025, dafür einen starken Koalitionsausschuss zu installieren, der alle zwei Wochen tagt und Streitfragen im Kabinett einfach entscheidet, sollen die Minister noch so wehklagen – das geht auf Dobrindt zurück. Gegenentwurf zum Ampel-Dauerzoff?
Als „Moderator“ und gar „Paartherapeut“ wurde Dobrindt neulich dafür schön beschrieben. Seit Montag wendet er das wieder an, als Gastgeber der Seeon-Klausur, wo Merz und Söder offiziell den Wahlkampf starten. Die Klausur ist ein Ritual, nicht jedes Jahr spannend. 2025 natürlich, sieben Wochen vor der Wahl, ist der Andrang auch der Medien groß: Die CSU-Versprechungen diesmal landen nicht in der Schublade, sondern sollen Regierungshandeln werden. „Eine politische Wende“ verspricht Dobrindt, nicht nur das Ampel-Ende.
Auch hier hat Dobrindt die inhaltlichen Eckpunkte kurz vor der Seeon-Klausur selbst gesetzt, mehrere Positionspapiere verfassen lassen und gestreut: ein harter Migrationskurs, Abschiebung nach der zweiten Straftat, unbeschränkte Abschiebehaft, Bleiberecht für Migranten an ein auskömmliches Einkommen knüpfen. Die CSU will Umgehungen der Asyl-Bezahlkarte stoppen, die Mütterrente ausweiten, damit Müttern auch für vor 1992 geborene Kinder drei Erziehungsjahre angerechnet werden.
Dobrindt selbst ist nun in der Luxuslage, sich nach der Wahl den Job aussuchen zu können: Er kann Landesgruppenchef bleiben, ein Job mit viel Freiheit und Macht dank Koalitionsausschuss, oder sich ein Ministerium picken; Innen, Finanzen, Wirtschaft vielleicht. Dass Söder im November öffentlich versuchte, Dobrindt schon auf einen Ministerjob festzulegen, war einer der wenigen Anlässe, wo es zwischen beiden rumpelte. Ohrenzeugen sagen: laut, aber kurz. Was er selbst plant, dazu schweigt Dobrindt nämlich eisern. Und keiner weiß, ob dazu schon was auf dem Zettel steht.