Stockdorf – Die Probleme beim Autozulieferer Webasto sind offenbar größer als bisher bekannt: Das Familienunternehmen aus dem Landkreis Starnberg musste auf Druck von Banken und Gläubigern Johann Stohner von der Beratungsgesellschaft Alvarez & Marsal als externen Sanierer anheuern. Stohner wird als Chief Restructuring Officer Teil des Vorstands sein, was auch die Entscheidungsfreiheit von Unternehmenschef Holger Engelmann beschränken dürfte. Das hätten Aufsichtsrat und Vorstand „in enger Abstimmung mit den Eigentümerfamilien und kreditgebenden Banken“ beschlossen, teilte das Unternehmen am Dienstag mit.
Der auf Standheizungen, Schiebedächer und Komponenten für die E-Mobilität spezialisierte Konzern, der große Hersteller wie Mercedes, BMW, Ford, Hyundai oder Kia beliefert, hatte schon vor einem Jahr ein großes Sparprogramm aufgesetzt, das unter anderem einen Abbau von rund zehn Prozent der etwa 16 600 Mitarbeiter umfasst. Damit sei man „auf einem guten Weg“ gewesen, so Engelmann in einer Mitteilung des Unternehmens. „Allerdings haben sich die Rahmenbedingungen in der Automobilindustrie im zweiten Halbjahr für uns weiter deutlich verschlechtert.“ Webasto muss also beim Sparkurs weiter nachschärfen.
Das Unternehmen, das Ende 2023 rund eine Milliarde Euro an Schulden hatte, steckt offenbar in Finanzproblemen. So einigte sich Webasto am 23. Dezember mit Banken, Kreditgebern und Warenkreditversicherern auf eine Stabilisierungsvereinbarung, um die Finanzierung zu sichern. Gleichzeitig wird an einem Restrukturierungskonzept gearbeitet. Bis Ende März soll dann ein Restrukturierungsgutachten eines unabhängigen Beratungsunternehmens vorliegen. „Die Stabilisierungsvereinbarung sichert Webasto in einem ersten Schritt den notwendigen Finanzrahmen während der Laufzeit bis 31. Mai 2025“, bestätigte eine Sprecherin gegenüber unserer Zeitung. „In einem zweiten Schritt liegt der Fokus auf der Neuordnung der mittel- und langfristigen Finanzierung.“
In den vergangenen Jahren hat Webasto viel Geld in die Expansion sowie in die Transformation zur E-Mobilität investiert, unter anderem in Batteriefabriken in Niederbayern, der Slowakei und in Südkorea. Nun leidet das Unternehmen unter der allgemeinen Wirtschaftskrise, dem langsamer als erwarteten Anlauf der E-Mobilität und der immer stärker werdenden Konkurrenz aus China. Die Zulieferer, die oft am Tropf der Hersteller hängen, treffen die Probleme der Branche meist deutlich härter als die Autobauer selbst. Auch Branchenriesen wie Continental, Bosch, ZF oder Schaeffler stecken in Schwierigkeiten und müssen sparen.
Webasto hatte deshalb nach Verlusten bereits Ende 2023 zwei Werke in China geschlossen und Sparmaßnahmen samt einem Abbau von 1600 Stellen angekündigt. Nun wollen der Sanierer, die Unternehmensführung und der Betriebsrat bis Anfang des zweiten Quartals „mit Hochdruck“ zusätzliche Sparmaßnahmen erarbeiten, so das Unternehmen. Ob es sich dabei auch um weitere Stellenstreichungen handelt, ist bisher nicht bekannt.
ANDREAS HÖSS