Maschinenbau in Neutraubling (Landkreis Regensburg). © Armin Weigel, dpa
München – Die Konjunkturaussichten für das Jahr 2025 sind alles andere als gut, schon gar nicht für die bayerische Wirtschaft, meint Manfred Gößl, Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern sowie des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags (BIHK). Er sieht die neue Bundesregierung in der Pflicht.
Die Wirtschaft in Bayern stockt, insbesondere die Industrie steckt in der Krise. Geht es 2025 weiter abwärts?
Das Hauptszenario ist Stagnation. Wir wissen schon jetzt, dass Investitionen und Beschäftigung nicht hochgehen werden. Zum Beispiel liegt die Auslastung der Industriefirmen in Bayern derzeit bei unter 80 Prozent, das sind Werte, wie wir sie zuletzt in den Jahren nach der Finanzkrise 2008 gesehen haben.
Warum gibt es keinen Lichtblick?
Früher war es so, dass nach einer Krise erst der Export angezogen hat, dann kam die Industrie wieder ins Laufen, in der Folge gewannen auch Zulieferer und Dienstleister an Zuversicht, und schließlich auch Gastronomie und Einzelhandel. Das Problem ist, dass der Export 2025 als Zugpferd ausfallen wird.
Weil China auch nicht vom Fleck kommt?
Ja. In China gehen unsere Exporte sogar runter. Hinzu kommen die USA: Wir müssen uns darauf einstellen, dass Donald Trump als US-Präsident seine Wahlversprechen wahr macht und Zölle einführt. Das bedeutet, dass wir bei den Exporten einen zusätzlichen Dämpfer erhalten.
Werden die bayerischen Firmen in der Folge noch mehr Arbeitsplätze streichen?
Davon müssen wir ausgehen. Die Arbeitslosigkeit wird in diesem Jahr steigen, zum ersten Mal seit zehn Jahren wird sie in Deutschland wieder die Drei-Millionen-Marke übersteigen. Da aber nur noch geburtenschwache Jahrgänge in den Arbeitsmarkt nachrücken, dürfte die Zahl der Arbeitslosen absehbar etwa auf diesem Niveau verharren.
Ist die demografische Entwicklung gerade ein Glücksfall, da der Arbeitsmarkt so vom Schlimmsten verschont bleibt?
Naja, gleichzeitig gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente – und die müssen finanziert werden von den restlichen Beschäftigten. Da aber wegen der demografischen Entwicklung die Zahl der Beschäftigten schrumpft, müssen die verbliebenen Arbeitnehmer mit steigenden Sozialversicherungsbeiträgen wie Kranken-, Pflege, Renten- und Arbeitslosenversicherung rechnen. Wir sprechen hier von 42,3 Prozent, ein Allzeithoch. Und das wird so weitergehen! Ein „Glücksfall“ ist das also wirklich nicht, den Vorteil sehen wir nur in der Arbeitslosenstatistik.
Wie müsste die Politik Ihrer Meinung nach reagieren?
Indem sie das Arbeiten im Alter so attraktiv wie möglich macht. Leider wird diese Diskussion aktuell aber kaum geführt. Stattdessen reden wir darüber, ob die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel von sieben auf fünf Prozent gesenkt werden soll – das ist aber nicht entscheidend.
Was müsste eine neue Bundesregierung aus Ihrer Sicht noch tun?
Das Ziel lautet Wirtschaftswachstum. Um das zu erreichen, sind drei Dinge wichtig. Erstens: Es muss sich für Unternehmen wieder lohnen, zu investieren – das tun die Firmen beispielsweise dann, wenn sie steuerliche Erleichterungen erhalten. Zweitens: Müssen wir das Arbeitsvolumen steigern.
Also später in Rente gehen, wie Sie es bereits gesagt haben?
Nicht nur das. Wichtig ist, dass wir nicht denken wie der Kanzler. Denn der schaut nur auf die Zahl, wie viele Köpfe in Deutschland erwerbstätig sind. Diese Zahl ist gestiegen, aktuell sind über 46 Millionen Menschen in Deutschland beschäftigt. Entscheidend ist aber eine andere Zahl: Nämlich wie viele Arbeitsstunden in Deutschland geleistet werden. Wir liegen aktuell bei gut 61 Millarden Arbeitsstunden. Im Vergleich dazu wurden 1991 gut 60 Milliarden Arbeitsstunden geleistet und das von rund 20 Prozent weniger Arbeitnehmern. Also muss eine neue Bundesregierung Anreize schaffen, dass alle arbeiten gehen, die Arbeiten können.
Und Ihr dritter Wunsch?
Eine neue Bundesregierung muss dafür sorgen, dass die Produktivität gesteigert wird. Und das gelingt vor allem durch Bürokratieabbau. In Schweden beispielsweise werden Unternehmen viel schneller zugelassen, auch Genehmigungen erhält man dort zügiger. Und trotzdem stürzen dort die Brücken nicht ein. Dabei ist Schweden Mitglied der EU, die Regeln aus Brüssel gelten auch dort. Aber Schweden legt bei der Umsetzung von EU-Vorgaben nicht noch eine Schippe drauf, wie es in Deutschland typisch ist.
Mit etwas über zehn Millionen hat Schweden weniger Einwohner als der Freistaat Bayern. Ist nicht auch denkbar, dass ein Land mit 80 Millionen Einwohnern wie Deutschland einfach schwieriger zu verwalten ist?
Das kann schon sein. Möglich ist aber auch, dass Schweden einfach einen schlankeren Verwaltungsaufbau als Deutschland hat. In Deutschland gibt es zudem viele unterschiedliche Zuständigkeiten auf Bundes- und Landesebene. Wir sollten daher darüber nachdenken, wie staatliche Strukturen an das 21. Jahrhundert angepasst werden könnten. Wir sollten uns daher mit Demut Länder anschauen, die es besser machen. Mir fehlt in Deutschland eine Diskussion, was wir von den Nachbarländern lernen können.
Welche Schulnote würden Sie der früheren Ampel-Koalition geben?
Mangelhaft. Denn die drei Punkte – mehr Investitionen, mehr Arbeitsvolumen und mehr Produktivität – das hat die Bundesregierung nicht umgesetzt. Mit den Roten und den Grünen waren Steuersenkungen einfach nicht drin, es gab keine verlässlichen Investitionsanreize.
Warum ist es kein Sechser geworden?
Weil die Ampel beim Thema Fachkräftezuwanderung wirklich etwas gemacht hat. Dafür gibt‘s in Sachen Bürokratieabbau die Note acht. Diese Bundesregierung hat uns mit nationalen Regelungen wie zum Beispiel dem Lieferketten-Gesetz überschüttet und uns vor Brüsseler Bürokratiemonstern wie Taxonomie-Vorschriften und Nachhaltigkeits-Berichterstattungen nicht bewahrt – Maß und Mitte haben komplett gefehlt.
Gibt es trotzdem etwas, was Sie im neuen Jahr zuversichtlich stimmt?
Wir dürfen in Oberbayern extrem stolz darauf sein, dass es mit der TUM (Technische Universität München, Anm. d. Red.) eine echte Start-up-Fabrik gibt. Junge Menschen gründen Technologiefirmen, der Raum München steht hier hervorragend da. Zwar hapert es in Deutschland noch immer an der Finanzierung junger Start-ups, aber aus der ganzen Welt zieht es junge Menschen nach Bayern, weil hier viel Neues entsteht. Trump könnte hier sogar einen positiven Effekt haben.
Inwiefern?
Es ist nicht ausgeschlossen, dass jetzt junge Leute aus den USA nach Deutschland kommen, weil sie in einem Land unter Trump nicht mehr leben wollen – wir könnten da als liberales Land vom Zuzug kluger Köpfe enorm profitieren. Interview: Sebastian Hölzle