INTERVIEW

„Trump wird die Welt nicht umkrempeln“

von Redaktion

über Börsengewinner, Opportunisten und die neuen Aussichten fürs Klima

Fossile Brennstoffe (im Bild Ölförderung in Texas) schienen ein Auslaufmodell zu sein. Die neue US-Regierung versucht ein Revival. Aber auch in den USA ist Erneuerbare Energie ein Milliardenmarkt. © Eli Hartman, dpa

München – Donald Trump ist jetzt seit ein paar Tagen im Amt und die Anleger scheinen bisher kein Problem mit dieser Präsidentschaft zu haben – im Gegenteil. Zwischen seiner Wahl im November und der Amtseinführung Ende Januar sind die Kurse sogar stark gestiegen. Besonders Technologietitel, Rüstungsaktien, Ölkonzerne, Versorger, Banken und Kryptowährungen wie Bitcoin waren gefragt. Sind das auch die Gewinner der nächsten Jahre? Das haben wir Carsten Mumm gefragt, Chefvolkswirt der Privatbank Donner & Reuschel.

Herr Mumm, Anleger finden die Trump-Präsidentschaft bisher positiv. Wie viel Vorschusslorbeeren sind da dabei?

Die Kurse sind ja schon vor der Amtsübergabe deutlich gestiegen, deshalb sind da durchaus Vorschusslorbeeren dabei. Bei aller Unsicherheit dürfte aber ein wirtschaftsfreundlicher Kurs mit Steuersenkungen tatsächlich der rote Faden dieser Präsidentschaft werden. Ein Teil davon ist wohl schon eingepreist. Doch wenn Trump seine Vorhaben umsetzt, könnte das die Kurse nochmals beflügeln.

Anleger wetteten zuletzt vor allem auf Branchen wie Öl, Gas, Rüstung, Technologie oder Banken. Geht das so weiter?

Hier gab es hohe Gewinne, weil die Investoren erwarten, dass diese Konzerne stark von der Deregulierung profitieren. Es sitzen ja einige Vertreter dieser Branchen im Kabinett: Der Finanzminister ist der Gründer eines Hedgefonds, der Energieminister ein Fracking-Unternehmer und über Elon Musk hat Trump auch eine große Nähe zur Tech-Branche. Dass Trump einen 500 Milliarden Dollar großen Fonds für die Forschung zu Künstlicher Intelligenz (KI) auflegen will, zeigt, welchen Stellenwert er der Technologie einräumt – und dass diese auch für Anleger spannend bleibt.

Viele Tech-Unternehmer werfen sich Trump jetzt an den Hals. Hilft das ihren Geschäften?

Das kommt darauf an. Es gibt Unternehmer wie Tesla-Gründer Elon Musk, die das schon lange tun und wohl auch gezielt bei Trump ihre Interessen platzieren. Und dann gibt es Leute wie Meta-Chef Mark Zuckerberg, die aus reinem Opportunismus ihre Firmenpolitik geändert haben. Da geht es wohl eher darum, unter dem neuen Präsident keine Nachteile zu bekommen. Gleiches gilt für Blackrock, den größten Vermögensverwalter der Welt. Er ist gerade aus einer Allianz der Finanzfirmen ausgestiegen, die für eine klimafreundliche Welt kämpft. Diese hat daraufhin ihre Arbeit eingestellt.

Ist das eine Kehrtwende in der Wirtschaftswelt und an den Börsen weg von Nachhaltigkeit?

Das mag so aussehen, viel ist aber rein opportunistisch und symbolisch. Große Konzerne planen langfristig und global. Und viele Verbraucher wollen weiter Klimaschutz und Nachhaltigkeit, auch in den USA – schon allein, weil es im Sinne der Wirtschaft und der Gesellschaft ist. Beispiel Finanzbranche: Weltweit sind Billionen Dollar in nachhaltige Fonds und ETFs investiert. Werden Blackrock und andere diese Produkte aus dem Programm nehmen und auf den riesigen Markt verzichten? Das glaube ich nicht. Nicht einmal Trump kann die Welt umkrempeln und von den Füßen auf den Kopf stellen.

Manche hoffen aber genau das. In den USA gibt es bereits das Gegenstück zu Nachhaltigkeits-Fonds, sogenannte Anti-Woke-Fonds. Sind die eine Wette wert oder werden damit nur Trump-Fans abkassiert?

Eher Letzteres, das ist eine Modeerscheinung. Es mag schon sein, dass diese Produkte kurzfristig besser laufen. Das Thema Nachhaltigkeit war über Jahre an den Finanzmärkten auch etwas überstrapaziert und erhält durch Trump nun wohl einen Dämpfer, der sich auch auf die Aktienkurse auswirken dürfte. Das ist für Anleger aber auch eine Einstiegschance.

Wirklich? Donald Trump will in den USA keine Windräder mehr, sondern nach Öl und Gas bohren, Stichwort: „Drill, Baby, Drill“!

Trump wird den Zug bremsen, aber nicht komplett anders herum auf das Gleis setzen und zurück in die Vergangenheit fahren. Von Bidens Inflation Reduction Act, der klimafreundliche Technologie fördert, profitieren auch viele republikanische Bundesstaaten wie Texas. Dort ist übrigens auch die Windkraft- und Solarbranche stark. Außerdem braucht KI sehr viel Strom. Den kann man nicht nur durch Kohle, Öl und Gas abdecken. Und viele etablierte Hersteller grüner Technologien kommen aus Amerika. Eine 180-Grad-Wende zu einer rein fossilen Wirtschaft würde also Arbeitsplätze und Wachstum in den USA gefährden. Das weiß auch Trump. Ich würde auch nicht ausschließen, dass die US-Gesellschaft irgendwann Druck auf ihn macht, wenn es wegen des Klimawandels weitere Ereignisse wie den verheerenden Waldbrand in Los Angeles gibt.

Was bedeutet Trump denn für deutsche Aktien?

Da muss man differenzieren: Der Dax ist zuletzt sehr gut gelaufen und das lag vor allem an einzelnen Unternehmen wie SAP. Die großen Industriekonzerne, die typisch für unsere Exportwirtschaft sind, leiden dagegen seit etwa drei Jahren. Das hat vor allem mit der Deglobalisierung und mit dem Fakt zu tun, dass China plötzlich nicht mehr Werkbank für deutsche Konzerne, sondern deren Konkurrent ist. Verhängt Trump Zölle – und das wird er – ist das ein weiterer Schlag. Weil auch die USA auf Europa als Markt angewiesen sind, wird es aber nicht so schlimm kommen wie gedacht. Eine Ausnahme ist die Autoindustrie, die gleichzeitig noch ihr ganzes Produktportfolio erneuern muss.

Wie sieht es mit Bitcoin aus? Auch die Kryptowährung hat von der Trump-Wahl profitiert, weil der sich als Krypto-Präsident gibt.

Krypto-Anlagen sind spannend. Die Blockchain-Technologie, auf der Bitcoin und viele andere Coins basieren, bringt wirklich einen Mehrwert. Und weil immer mehr Menschen weltweit daran glauben, dass Bitcoin ein Wertspeicher und Inflationsschutz ist, hat er eine ähnliche Funktion wie Gold. Insgesamt haben Kryptos die Chance, sich als Standard-Anlageklasse zu etablieren. Allerdings muss man auf diesem noch wenig regulierten Markt extrem aufpassen. Es gibt dort viel Betrug, Abzocke und massive Kursschwankungen.

Auch Trump und seine Frau haben Krypto-Assets herausgegeben. Eine gute Altersvorsorge?

Da wäre ich vorsichtig. Die haben wohl lediglich Liebhaberwert, mit vernünftiger Geldanlage hat das wenig zu tun. Insgesamt ist es erschreckend, wie hemmungslos Geschäftsinteressen und Politik heute in den USA vermischt werden. Meiner Meinung nach ist das nur möglich, weil das politische Establishment kein großes Ansehen mehr hat und dann Leute wie Trump gewählt werden, weil sie als Anti-Politiker gelten – obwohl gerade sie sich im Amt selbst bereichern. Ich hoffe, dass viele Wähler erkennen, dass das nicht im Interesse der Gesellschaft ist.

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