Eine ganze Industrie hofft auf Aufträge in Milliardenhöhe. Das Bild zeigt die Produktion des Schützenpanzers Lynx von Rheinmetall im niedersächsischen Unterlüß. © Sepp Spiegl, Imago
Berlin – Plötzlich geht alles sehr schnell. Weil die USA die Verteidigung der westlichen Welt offenbar nur noch als sehr kostspieliges Geschäft betrachten, muss Europa sich selbst darum kümmern, gegen Angriffe gewappnet zu sein. Am Donnerstag treffen sich die Regierungschefs und die Spitze der EU. Es geht um mehrere hundert Milliarden Euro. Neben mehr Sicherheit erwarten Experten zusätzliche Arbeitsplätze und einen Schub fürs Wirtschaftswachstum.
Deutschland will bis zu 400 Milliarden Euro zusätzlich in die Bundeswehr stecken. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen plant einen Fonds von 150 Milliarden Euro. Das Institut für Wirtschaftsforschung in Kiel (IfW) schätzt, dass Europa kurzfristig etwa 250 Milliarden Euro jährlich zusätzlich ausgeben müsste, um sich selbst ohne Amerikaner verteidigen zu können. Der Anteil der Rüstungsausgaben müsste von derzeit rund zwei auf etwa 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Eine Studie der Beratungsgesellschaft EY und der Dekabank kommt auf zusätzlich gut 390 Milliarden Euro in den kommenden sechs Jahren. Eingeschlossen sind jeweils auch Nicht-EU-Staaten wie Großbritannien und Norwegen, die Mitglieder der Nato sind.
Belastbar berechnen lässt sich wenig. Was klar ist: Die geplanten Ausgaben sind ein gigantisches Konjunkturprogramm. In den 30 europäischen Nato-Staaten sollen in den kommenden sechs Jahren bereit 72 Milliarden Euro mehr ausgegeben werden. Das stimuliert weiteres Geschäft von 157 Milliarden Euro jährlich in der Industrie und bei Dienstleistungen, wie die Studie von EY und Dekabank ergab.
„Die Verteidigungsinvestitionen der europäischen Nato-Länder fließen größtenteils in Unternehmen der europäischen Rüstungsindustrie und führen hier zu erhöhten Einkommens- und Wertschöpfungseffekten“, sagt Jan Friedrich Kallmorgen von EY-Parthenon. Es profitierten auch Metallindustrie, Handel, Transport und Logistik. Der positive Einfluss auf den Arbeitsmarkt sei enorm, sagt Matthias Danne aus dem Vorstand der Dekabank. Die Studie schätzt, dass insgesamt 680 000 Stellen gesichert werden.
Kommen jährlich noch einmal 65 Milliarden Euro für Verteidigung hinzu, erwarten die Studienautoren zusätzliche wirtschaftliche Effekte von 113 Milliarden Euro sowie weitere 660 000 neue Arbeitsplätze. Deka-Vorstandsmitglied Danne spricht von wichtigen Impulsen für die schleppende deutsche Konjunktur.
Die reinen Geldsummen helfen aber nicht, wenn es gleichzeitig nicht genug Fabriken für Panzer, Geschütze und Munition gibt. Der Aufbau dauert. Europa braucht zudem auch rund 300 000 Soldaten zusätzlich, wie das IfW schätzt. Sie müssen jene ersetzen, mit denen die USA in Europa im Nato-Bündnisfall bisher geholfen hätten. Derzeit hat Europa einschließlich Großbritannien etwa 1,47 Millionen Soldaten. Personal ist kurzfristig aber schwer zu beschaffen, außerdem fehlen diese Personen im regulären Arbeitsmarkt. Das heißt: Es gibt auch Nachteile.