Hensoldt-Chef: „Wir sind bereit“

von Redaktion

Rüstungskonzern hat Milliarde investiert – 1000 neue Mitarbeiter gesucht – Innovationsschub

München – Der Chef des Rüstungskonzerns Hensoldt, Oliver Dörre, erhofft sich von der beschlossenen massiven Aufstockung der Rüstungsausgaben einen Innovationsschub für die Branche. Das eigene Unternehmen sieht er für die anstehenden Herausforderungen gut aufgestellt.

„Wir sind bereit“, sagte Vorstandschef Oliver Dörre, wenige Stunden nachdem der Deutsche Bundestag eine Lockerung der Schuldenbremse zur Erhöhung der Verteidigungsausgaben beschlossen hatte (wir berichteten). Viele Milliarden sollen so künftig zusätzlich in die Rüstung fließen.

Kritiker der Pläne hatten unter anderem Zweifel formuliert, ob die deutschen und europäischen Rüstungsunternehmen vor dem Hintergrund begrenzter Kapazitäten die absehbare Flut von neuen Aufträgen überhaupt ausreichend schnell bewältigen könnten.

Hensoldt habe in den vergangenen drei Jahren rund eine Milliarde Euro investiert, rund die Hälfte davon zur Modernisierung von Infrastruktur und Lieferketten, sagt Dörre. Die Produktionskapazitäten seien um 30 bis 50 Prozent gestiegen. Bis 2030 will der Hersteller von militärischen Radar- und Aufklärungssystemen den Umsatz auf fünf Milliarden Euro mehr als verdoppeln.

Der Konzern beschäftigt 8400 Mitarbeiter, gut 1000 neue Mitarbeiter sollen im laufenden Jahr dazukommen. Bei der Rekrutierung blickt Hensoldt, wie auch andere deutsche Rüstungskonzerne auch, auf die kriselnde Automobilindustrie, wo in diesen Tagen Jobs verloren gehen. Deren Beschäftigte verfügten über große Erfahrung in der Serienfertigung, betont er.

Hensoldt hat seinen Sitz in Taufkirchen (Lkr. München), den größten Standort aber in Ulm. Spezialisiert ist der Rüstungszulieferer auf Radare und Sensoren, unter anderem für die militärische Aufklärung. Das Unternehmen ist im MDax gelistet, die Marktkapitalisierung liegt bei rund acht Milliarden Euro. Der Bund besitzt eine Sperrminorität.

Eine wichtige Rolle für die Luftverteidigung spielt das Hensoldt-Hochleistungsradar TRML-4D aktuell in der Ukraine. Hensoldt arbeite daran, die Produktion hochzufahren, erklärt Dörre. Es ist Teil des IRIS-T SLM-Luftverteidigungssystems, welches helfen soll, feindliche Flugkörper wie Raketen und Drohnen frühzeitig zu erkennen. Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine habe Hensoldt die Produktion von drei Radaren im Jahr geplant. Inzwischen baue man 15 Einheiten pro Jahr. Möglich sei eine Steigerung auf 20 bis 25, so Dörre.

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine haben auch viele europäische Länder ihre Verteidigungsetats drastisch erhöht. Die Nato-Staaten haben sich verpflichtet, mindestens zwei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Verteidigung auszugeben – gefordert werden inzwischen deutlich mehr. Sollte sich ein Drei-Prozent-Ziel durchsetzen, müssten europäische Länder Prognosen zu Folge bis 2030 mindestens 600 Milliarden Euro zusätzlich investieren.

Europäische Rüstungsunternehmen erleben in der Folge auch an den Börsen einen regelrechten Boom. Der Hensoldt-Aktienkurs hat seit Beginn des Ukraine-Krieges um 600 Prozent zugelegt.

Im abgelaufenen Jahrhabe Hensoldt so viele neue Aufträge bekommen wie noch nie, sagt Dörre. Der Auftragseingang schnellte um 39 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro und wuchs damit stärker als erwartet. Der Umsatz stieg um 21 Prozent auf 2,24 Milliarden Euro.

Für künftige Kapazitätsplanungen müsse der Schwerpunkt wieder auf der Landes- und Bündnisverteidigung liegen. Der Beschluss neuer Budgets sei nur der Anfang in einem komplexen Prozess der Modernisierung auch in der Beschaffung. Bundeswehr und Industrie bräuchten einen Paradigmenwechsel, weg von einer Bedarfsplanung nach Kassenlage. Gefragt sei die Verbindung von klassischem Kampfgerät und Hochtechnologie: „Nötig sind sowohl Panzer als auch Drohnen und am besten vernetzt“, sagt der studierte Informatiker und Offizier der Luftwaffe: „Wir brauchen Masse und Klasse.“ Daten seien so wichtig wie Munition.
SABINE RÖSSING