Nach über elf Jahren an der Spitze der Stadtsparkasse München zieht sich Ralf Fleischer wegen einer Herzerkrankung zurück. Seinen Ruhestand möchte er sowohl in seiner Heimat Mülheim an der Ruhr als auch in München verbringen. © Oliver Bodmer
München – Ralf Fleischer bezeichnet sich selbst als „Kind der Sparkassenfinanzgruppe“: Im Jahr 1983 startete er als Auszubildender bei der Sparkasse Mülheim an der Ruhr, nach weiteren Stationen bei Sparkassen in Nordrhein-Westfalen übernahm er 2014 den Chefposten der Stadtsparkasse in München. Gestern legte er in dieser Position zum letzten Mal die vorläufige Bilanz des Instituts vor (siehe Kasten). Wir sprachen mit ihm über die jüngsten Zahlen sowie seinen Abschied.
Ende April legen Sie Ihr Amt als Vorstandschef der Stadtsparkasse nieder. Sind Sie froh, dass Sie das Haus nicht in den Krisenjahren der Null- und Negativzinsen an Ihren Nachfolger übergeben müssen?
Ja, natürlich – alles andere wäre gelogen. Es freut mich, ein stabiles Unternehmen übergeben zu können. Man darf nicht vergessen: In der Null- und Negativzinsphase ist allen Banken ein Großteil des Ertrags weggebrochen. Die Einlagen waren noch da, von einem Tag auf den anderen haben wir damit aber nichts mehr verdient.
Die Stadtsparkasse hatte damals Filialen geschlossen, Stellen gestrichen und Strafzinsen für Geldeinlagen verlangt. Hätten Sie bei Ihrem Amtsantritt jemals gedacht, dass Sie mit solch einer Lage konfrontiert sein werden?
Man könnte auch die Gegenfrage stellen: Hat überhaupt jemand auf dieser Welt gedacht, dass wir jemals Negativzinsen haben werden? Ich würde behaupten: Nein. Das war eine außergewöhnliche Situation, die von uns Anpassungen erforderte. Das waren definitiv nicht immer schöne Entscheidungen, die wir treffen mussten, aber sie waren unumgänglich.
Können Sie der Krise auch etwas Positives abgewinnen?
Ja. Wenn Sie in einer solchen Krise sind, müssen Sie sich verändern. Diese Veränderungen gab es. Wir sind in dieser Zeit viel effizienter geworden. Das hilft uns jetzt. Die guten Ergebnisse des vergangenen Jahres und der Jahre zuvor wären ohne diese Effizienzsteigerungen nicht möglich gewesen.
Sie haben den Grund ihres Ausscheidens öffentlich gemacht, demnach hindert sie eine koronare Herzerkrankung am Weitermachen. Hätten Sie gerne noch weitergearbeitet?
Ich habe immer extrem gerne gearbeitet. Insofern hätte ich gerne noch etwas weitergemacht. Aber die Situation ist, wie sie ist. In einem Acht-Stunden-Job könnte ich trotz der Erkrankung noch weiterarbeiten, aber ich arbeite zwölf bis 14 Stunden am Tag.
Wie hoch ist das Stresslevel dabei? Können Sie ein Beispiel nennen?
Was mich in meinem Job immer stark beschäftigt hat, waren Schieflagen oder Insolvenzen von Unternehmen, auch wenn das in meiner Amtszeit zum Glück selten vorkam. Aber eine Insolvenz trifft oft hunderte, manchmal sogar tausende Arbeitsplätze – und damit die Familien der Beschäftigten.
Und Sie entscheiden mit, ob das Unternehmen noch einmal mit einer Kreditlinie rechnen kann – oder in die Pleite schlittert.
Und das beschäftigt einen. Ich bin nicht so abgebrüht, dass ich in einem solchen Fall sagen kann: Haken dran, Fall erledigt. Im Gegenteil, es geht mir nahe. Natürlich versucht man bis zum Schluss, Lösungen zu finden, um das Unternehmen zu erhalten, vor allem wegen der Arbeitsplätze. Aber manchmal gelingt das eben nicht – das ist nun einmal auch Teil meines Jobs.
In Ihrem Ruhestand sind Sie mit solchen Entscheidungen nicht mehr konfrontiert. Was sind Ihre Pläne?
Ich werde jetzt die Dinge tun, die in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen sind. Zum Beispiel möchte ich endlich das Klavierspielen richtig lernen, nachdem ich es in den vergangenen Jahren zwar immer wieder mal versucht habe, aber ständig irgendwelche Termine dazwischenkamen und meine Lehrer irgendwann daran verzweifelt sind.
Bleiben Sie München treu?
Tatsächlich werde ich wieder öfter in meiner Heimat in Mülheim an der Ruhr sein, dort lebt meine Familie. Gleichzeitig werde ich aber auch weiterhin in München sein. Es wird ein „sowohl als auch“ und kein „entweder – oder“. Insoweit bleibe ich München treu.
Mit Zinsen hat die Stadtsparkasse im vergangenen Jahr 480,7 Millionen Euro verdient. Das ist über 30 Millionen Euro weniger als im Vorjahr. Warum?
2024 gab es Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank. Das hat dazu geführt, dass das Zinsergebnis deutlich niedriger ausgefallen ist.
Gleichzeitig haben sie durch den Verkauf von Finanzprodukten mehr verdient – das Provisionsergebnis ist gestiegen.
Am Ende hat das dazu geführt, dass wir insgesamt ein stabiles und kontinuierliches Ergebnis erzielt haben, trotz der konjunkturellen und weltpolitischen Rahmenbedingungen. Daher sind wir mit unserem Ergebnis zufrieden.
Unterm Strich liegt der Gewinn trotzdem nur bei 48 Millionen Euro. Warum rechnen Sie sich arm?
Das ist die falsche Begrifflichkeit. Gesetzlich müssen wir einen Teil unseres Gewinnes in wirtschaftlich starken Zeiten in die Rücklagen stecken, um Puffer für die Zukunft zu haben, die Finanzaufsicht fordert das von uns – und am Ende stärkt das unser Eigenkapital.
Kann die Stadt München trotzdem mit einer Ausschüttung rechnen?
Wir gehören zu den wenigen Sparkassen in Bayern, die Geld an ihre Eigentümer ausschütten. Das wollen wir auch in diesem Jahr tun. Die endgültige Bilanz wird aber erst im Frühjahr verabschiedet, dann steht fest, wie hoch die Ausschüttung sein wird. Interview: Sebastian Hölzle