Jobs für alle

von Redaktion

Suchen einen Traumjob: Ben Gerich (li.) und sein Mentor Ralph Bursche von BMW. © Lennart Preiss

Am Stiglmaierplatz wird auf zwei Etagen Perspektive vermittelt. © Marcus Schlaf

München – Drei Millionen Menschen unter 35 haben in Deutschland keine abgeschlossene Ausbildung. 650 000 von ihnen haben auch keine Arbeit, tun also oft gar nichts. Das Sozialunternehmen Joblinge will sie fit für das Berufsleben machen. Am Münchner Stiglmaierplatz wurde diese Woche eine nagelneue Anlaufstelle eröffnet. Das Besondere: Sie wird ganz von Arbeitgebern finanziert, die sich ihre Bewerber normalerweise aussuchen können: BMW, Siemens, Infineon, Allianz und die Lufthansa.

Die Gründe, weshalb man durchs Raster fallen kann, sind vielfältig: Oft mangelt es jungen Menschen an Orientierung – oder sie scheitern an Absagen der Unternehmen. Manchmal fehlt es den Eltern an Deutschkenntnissen, Geld oder Kontakten. Dazu kommen die Schulabbrecher, allein in Bayern jedes Jahr 5000.

Diese jungen Leute will man ansprechen: Durch Vermittlung, auf der Straße oder mit Social-Media-Werbung. Die einfache Frage: „Willst du eine Ausbildung?“ Bisher hat Joblinge so nach eigenen Angaben 5000 Menschen zur Beratung geholt. „Ich verspreche, wir werden mehr Menschen finden, wir werden euch nicht in Ruhe lassen“, scherzt Kadim Tas, der Geschäftsführer von Joblinge.

Das Programm hat mehrere Stufen, teils öffentlich, teils privat finanziert. Der Stiglmaierplatz soll eine repräsentative Anlaufstelle sein. Hier werden die Anwärter direkt bei hauseigenen Berufsmessen vermittelt, oder sie durchlaufen die Berufsorientierung und werden für die Bewerbung fit gemacht. Ein Beispiel ist Ben Gerich. Der 17-Jährige ist seit zehn Wochen im Joblinge-Programm: „Ich hatte 1,5 Jahre eine Ausbildung zum Bürokaufmann gemacht, die aber abgebrochen, weil sie nichts für mich war“, so Gerich. Sein Berater bei der Arbeitsagentur hat ihn an Joblinge verwiesen. Gerich war froh: „Ich hatte den Drang etwas zu tun.“ Seitdem durchläuft der 17-Jährige ein Intensiv-Programm: „Ich habe vor Ort Laptop, USB-Stick und einen Arbeitsplatz.“ Joblinge hilft bei den Bewerbungen, macht Fotos und vermittelt wo möglich auch Kontakte in die Wirtschaft.

Inzwischen schreibt Ben Gerich täglich mehrere Stunden Bewerbungen. Betreut wird er dabei von seinem Mentor, Ralph Bursche: „Wir treffen uns einmal die Woche und sprechen über Bens Bewerbungen, das Feedback und die Firmen, die er anschreibt. Und ich erzähle ihm natürlich auch, wenn es bei uns Programme gibt.“ Denn Ralph Bursche arbeitet eigentlich bei BMW. Die Konzerne schicken erfahrene Freiwillige als Mentoren. Ben Gerich hat Bursche beim Joblinge-Speed-Dating kennengelernt: „Es gab zehn Mentoren und zehn Mentees“, erklärt Bursche. „Ben hat sich sehr für KFZ und Handwerk interessiert und ich war der einzige Vertreter der Automobilindustrie.“ Bursche ist hochzufrieden: „Es kommt wahnsinnig viel Engagement von Ben“.

Auch Deutschlands oberster Arbeitsmarktforscher hält nichts vom Klischee der faulen Jugend: „Die Gen-Z-Debatte ist eine Chimäre. In Deutschland wird so viel gearbeitet wie nie und auch die Jungen arbeiten mehr als die Generationen vor ihnen“, so Bernd Fitzenberger, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Trotzdem müsse man um jeden kämpfen: „Humankapital ist ein schreckliches Wort, aber es ist die wertvollste Ressource in unserer Volkswirtschaft.“

Jan Boskamp von Joblinge erklärt, was den Unterschied machen kann: „Es gibt seit 2011 Studien, die untersuchen, wie Grundschüler sich entwickeln, die einen Mentor hatten. Das kann ganze Lebensläufe verändern. Oft entwickeln sich nicht privilegierte Kinder damit besser als die Vergleichsgruppe ohne Handicap.“ Damit Kinder gar nicht erst durchs Raster fallen, brauche es an den Schulen mehr Berufsorientierung: „Ab der siebten Klasse sollte es jedes Jahr zwei Wochen Pflichtpraktikum geben. Und zwar mit Vor- und Nachbereitung. Das passiert heute nicht.“ Joblinge sieht sich als gutes Beispiel. Vier von fünf Anwärtern hätten am Ende einen Beruf. Und das durchschnittlich nach 3,5 Monaten.

Zur Eröffnung des neuen Joblinge-Stützpunkts sind auch die Personalchefs der Konzerne gekommen. Sie sprechen darüber wie wichtig Berufsbildung angesichts der alternden Gesellschaft ist. Aber auch darüber, dass berufliche Perspektiven die Gesellschaft zusammenhalten. Oder, wie es Christian Schoppik, Ministerialdirektor für Arbeit und Soziales in Bayern, sagte: „Der Respekt vor dem anderen beginnt bei dem Respekt vor sich selbst. Wer sich abgehängt fühlt, ist eher anfällig für extreme Strömungen.“

Kontakt zu Joblinge

Die Joblinge-Anlaufstelle liegt in der Briennerstraße 59 in München. Das Angebot ist auch unter www.plan-a.jetzt erreichbar.

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