Sorgen sich um junge Erwachsene ohne Perspektive: (v.li.:) Ilka Horstmeier (BMW), Markus Fink (Infineon) und Bettina Dietsche (Allianz). © Preiss
München – Ist ein lückenloser Lebenslauf heute noch Pflicht? „Halleluja, wir sind ja nicht mehr in den 90ern“, rief Allianz-Personalchefin Bettina Dietsche auf diese Frage. Eine Lücke könne einen auch als Mensch wachsen lassen. Wichtig sei es, sie erklären zu können. „Man darf auch mal scheitern. Ich bin drei, viel Mal gescheitert und es hat mich auch irgendwohin gebracht“, so Dietsche. Wir haben die Personalchefs von vier großen Unternehmen gefragt, worauf es stattdessen ankommt und wie es um den Fachkräftemangel steht.
„Ich war kein guter Schüler“, erzählte Infineon-Personalchef Markus Fink bei einer Veranstaltung. Unserer Zeitung sagte er: „Für uns ist es wichtig, dass Noten nicht im Vordergrund stehen, wir achten eher auf Neugierde, Lernbereitschaft und Auffassungsgabe“, so Fink. Dabei geht es ihm vor allem um Technik und Naturwissenschaften. „Wir spüren den allgemeinen Fachkräftemangel. Wir sehen aber ein großes Potenzial. Das fängt bei der Ausbildung im Inland an, geht über notwendige Rahmenbedingungen wie zum Beispiel den Ausbau der Vollbeschäftigung von Frauen bis hin zur qualifizierten Zuwanderung und Integration. Sonst wird es in ein paar Jahren eng in Deutschland.“
Bei Siemens werden seit 130 Jahren junge Menschen ausgebildet, in Deutschland sind es aktuell 4300. Der Industrieriese weiß, wo Menschen für technische Berufe verloren gehen. Am Standort Amberg etwa, wo nicht diverse Hochschulen Bewerber auf den Markt bringen, fängt Siemens deshalb früh an: „Wir sprechen unter anderem beim ,Girls Day´direkt Mädchen schon ab 13 oder 14 Jahren an“, erklärt Annette Kraus, Personalchefin für Deutschland. „Weil wir wissen, dass da genau in diesem Alter die Schere zwischen Mädchen und Jungs aufgeht, was technische Berufe angeht.“ Natürlich muss der Lebenslauf gut, sein, nur wegen einer Lücke werde man aber nicht aussortiert. Wichtig wird es danach. Annette Kraus: „Unsere Auswahlverfahren finden in Gruppen statt. Da können wir sehen: Wie reagieren die Menschen in Drucksituationen und wie interagieren sie vor allem mit ihren Kollegen?“
BMW schickt nicht nur seine Mitarbeiter als Mentoren zum Joblinge-Programm, sondern lädt auch zu Werksführungen ein. Ausbildung zum Anfassen quasi, auch mit viel Kontakt zu den BMW-Azubis. Personalchefin Ilka Horstmeier weiß, was Bewerber suchen: „Für die jungen Menschen ist es wichtig, Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten zu haben. Dazu gehört auch gute Führung.“ Auch ein stabiler Arbeitgeber werde geschätzt: „Vertrauen und Verlässlichkeit sind in Zeiten des Wandels eine wichtige Währung“, so Horstmeier, auch mit Blick auf die Elektrifizierung der Industrie. „Menschen gehen Veränderungen mit, wenn sie wissen, dass wir sie auf diesem Weg mitnehmen und ihn gemeinsam gestalten.“
In der Luftfahrt ist man oft für Menschenleben verantwortlich. Lufthansa-Personalchef Michael Niggemann sucht deshalb nach besonders vertrauenswürdigen Menschen: „Wir achten darauf, dass die Bewerberinnen und Bewerber neben der fachlichen Kompetenz auch bestimmte Werte mitbringen. Weltoffenheit ist uns dabei sehr wichtig, aber auch Integrität und Verantwortungsbewusstsein.“ Angesichts des Fachkräftemangels geht man auch neue Wege: „Wir sind weiterhin mit unserer Arbeitgebermarke sehr erfolgreich und können die allermeisten offenen Stellen gut besetzen. Zur Wahrheit gehört aber, dass auch wir den Fachkräftemangel spüren. Deshalb investieren wir noch mehr als früher in Weiterbildung: Wenn jemand zum Beispiel Kfz-Mechaniker ist, ermöglichen wir die Ausbildung zum Flugzeugmechaniker.“
MAS