Bahnchef auf dem Schleudersitz

von Redaktion

Bahnchef Richard Lutz (rechts) während einer ICE-Testfahrt im Jahr 2017. © Martin Schutt

Berlin – Ein Satz im Koalitionsvertrag sorgt bei der Deutschen Bahn für Unruhe: „Sowohl beim DB-Konzern als auch bei der InfraGO soll eine Neuaufstellung von Aufsichtsrat und Vorstand erfolgen“, lautet die Passage. Vor allem die Union würde die Führungsspitze des Konzerns gerne umbauen. Das könnte Bahnchef Richard Lutz vorzeitig den Job kosten. Sein Vertrag läuft noch bis 2027. Schon bei der Vorstellung der Jahresbilanz vor wenigen Wochen war sich Lutz nicht mehr sicher, ob dies seine letzte Präsentation der Zahlen war. Weitermachen würde er gerne.

Doch längst wird über potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten für den Spitzenjob spekuliert. Die Besetzung des Chefpostens ist Sache des Kanzlers, die Gewerkschaften reden bei der Auswahl des Personalvorstands mit. So war die Aufgabenteilung zwischen Eigentümer und Gewerkschaftsseite bisher. Manches spricht dafür, dass ein Wechsel inmitten des gerade erst angelaufenen Sanierungsprogramms angestrebt wird. Dazu gehören vor allem die schwachen Ergebnisse, die Lutz bisher vorweisen kann. Die Bahn ist unpünktlich, fährt Verluste ein und hat zu spät Alarm geschlagen, als sich der Niedergang der Infrastruktur abzeichnete.

Einer der Namen, die als Nachfolgeoption genannt werden, ist der des scheidenden Verkehrsministers Volker Wissing. Der mittlerweile parteilose Politiker hat sich im Konzern einen guten Ruf verschafft, weil er sich als erster Ressortchef seit Langem verlässlich für den Schienenverkehr eingesetzt hat. Realistisch erscheint diese Personalie allerdings nicht. Ihm fehlt die Managementerfahrung. Im Aufsichtsrat könnte Wissing eher eine Chance haben.

Manager von außen anzuheuern, dürfte im laufenden Sanierungsprozess auch nicht die erste Lösung darstellen. Fragt man Talentsucher, ist das Anforderungsprofil des Bahnchefs umfangreicher als bei einem Unternehmensvorstand, der weniger im Licht der Öffentlichkeit steht. Gefragt ist neben betriebswirtschaftlichen Kenntnissen auch der Umgang mit Ministern, Abgeordneten, Landräten und Medien. Denkbar ist auch, den Posten mit einem Bahnmanager aus dem Ausland zu besetzen.

Näher liegt eine interne Lösung. Lange wurde die Vorständin des Güterverkehrs, Sigrid Nikutta, als potenzielle Lutz-Nachfolgerin gehandelt. Die frühere Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe gilt als ehrgeizig und durchsetzungsstark. Allerdings muss sie mit zwei Problemen kämpfen: Die Cargo-Sparte hat sich zu einem notorischen Verlustbringer entwickelt. Außerdem hat sich die Vorständin mit der Gewerkschaft EVG über den Sanierungskurs verkracht. Zeitweilig habe man nicht mehr miteinander gesprochen, sagen Insider. Inzwischen ist der Streit beigelegt.

So könnte eine andere Vorständin zur Favoritin werden. Evelyn Palla, zuständig für den Regionalverkehr. Palla ist seit 2019 bei der Bahn und seit 2022 im Konzernvorstand. Zuvor war sie unter anderem für die ÖBB in Österreich tätig. Die 52-jährige Betriebswirtin hat den Regionalverkehr wieder in die Gewinnzone geführt. Aus einem 22-Millionen-Euro-Verlust wurde im vergangenen Jahr ein 100-Millionen-Euro-Gewinn. Nebenher hat Palla den Lokführerschein gemacht: „Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, im Führerstand zu sitzen“, sagt sie.

Die private Konkurrenz warnt indes vor einer überstürzten Personaldebatte. „Bevor die Politik die Top-Jobs bei der DB neu besetzt, muss sie ihr eigenes Strategiedefizit aufarbeiten“, verlangt Neele Wesseln vom Verband Die Güterbahnen. Die Wettbewerber fordern erst einmal eine gründliche Analyse vergangener Versäumnisse, bevor Personal ausgetauscht wird.

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