An der Wall Street liebt man Statistiken. Eine davon – der Zweig-Indikator – lieferte in der Vergangenheit ein verlässliches Signal, dass die Kurse kräftig steigen. © TIMOTHY A. CLARY
New York – Seit Donald Trump im Januar seine zweite Amtszeit als US-Präsident antrat, sind vor allem die US-Börsen auf rasanter Talfahrt. In den ersten drei Monaten seiner Präsidentschaft krachte der US-Aktienindex S&P 500 in Dollar gerechnet rund 15 Prozent nach unten, in Euro sogar noch mehr – der schlechteste Start einer US-Präsidentschaft seit mehr als 100 Jahren. Doch auf den Absturz könnte bald eine Börsenparty folgen. Das hoffen zumindest amerikanische Analysten und Investmentprofis und verweisen auf ein Signal mit sperrigem Namen.
Konkret handelt es sich um das Zweig Breadth Thrust Signal, kurz ZBT. Laut Ryan Detrick von der US-Finanzfirma Carson Group leuchtete der Indikator seit 1943 bisher 19 Mal auf und kündigte immer einen Börsenaufschwung an. Nun gab es das 20. Signal: „Der seltene Zweig Breadth Thrust (ZBT) wurde heute ausgelöst“, schrieb Detrick am 25. April auf der Plattform X. „Das Signal war seit dem 2. Weltkrieg 100 Prozent akkurat.“ In Folge sei der Index der 500 größten US-Konzerne in den kommenden sechs und zwölf Monaten immer gestiegen. „19 von 19 Mal“, so der Marktstratege.
Im Schnitt satte 23 Prozent Gewinn
Glaubt man Detrick, dessen Post unter Finanzexperten für viel Furore sorgt, stehen Anlegern trotz Trump-Irrsinn, Zollkrieg und globaler Wachstumsschwäche also goldene Börsenmonate bevor. So stiegen US-Aktien beispielsweise nach dem 18. März 2009, als das Signal ebenfalls ausgelöst hatte, in den folgenden zwölf Monaten um satte 46,8 Prozent. Zuvor hatte die Finanzkrise die Welt ins Chaos gestürzt. Im Schnitt stand beim S&P 500 sechs Monate nach Auslösen des ZBT ein Plus von 14,8 Prozent, nach zwölf Monaten waren es 23,4 Prozent. Man müsse sich jetzt sofort bei Banken Geld leihen und es in Aktien investieren, so einer der fast 200 000 Follower von Detrick. Ein anderer schrieb, die nach wie vor miese Stimmung an den Finanzmärkten sei, wie wenn der Wetterbericht nun 100 Prozent Sonnenwahrscheinlichkeit ankündige, die Leute aber trotzdem mit Regenschirm und Parka aus dem Haus gehen würden.
Doch hundertprozentige Sicherheit für steigende Kurse garantiert auch der Zweig-Indikator nicht. Ausgegraben hat das technische Signal der Investor Martin Zweig, der 1986 ein Buch über Anlagestrategien mit dem Titel „Winning on Wall Street“ veröffentlicht hat. Vereinfacht gesagt beruht sein Indikator auf der Beobachtung, wie viele Aktien den Markt stützen, im Börsenjargon Marktbreite genannt. Drehen besonders viele Aktien gleichzeitig nach oben und steigt der ZBT-Wert so innerhalb von maximal zehn Tagen von unter 40 auf über 61,5 Prozent, löst das Signal aus. Genau das ist nun an den US-Börsen passiert.
Gegenbewegung oder Trendwende?
Dennoch wissen auch die statistikverliebten amerikanischen Investmentbanker, dass selbst die beste Auswertung historischer Muster keine künftigen Gewinne garantiert. Der jüngste ZBT-Anstieg tauge nicht als Musterbeispiel für das Funktionieren des Signals, warnt etwa der Marktbeobachter Tom McClellan. Es gebe gerade schlicht eine kurze Gegenbewegung in einem Bärenmarkt mit langfristig fallenden Kursen, der „noch einige Zeit laufen“ werde. Die echte Trendwende an den Börsen lasse aber weiter auf sich warten.
Auch viele Finanzexperten auf X sind skeptisch. In der Vergangenheit mag der Indikator funktioniert haben. „Aber war Trump da Präsident?“, antwortet ein Vermögensverwalter auf Detricks Post. Der Markt sei „durch einen orangen Mann manipuliert“, stimmt ein anderer Experte zu. Der Blick in die Geschichte sei angesichts des erratischen Kurses der Trump-Administration wertlos, meint ein weiterer X-Nutzer. Die Regierung habe keinen Plan, der Handel breche ein und die Preise für Verbraucher und Unternehmen schnellen in die Höhe. Er prophezeit: „Der S&P 500 wird noch drei weitere Jahre abstürzen.“ Trotz einem positivem Zweig-Signal.