Stromleitungen sollen den Austausch von Wind- und Solarstrom ermöglichen. Sie gelten als wichtigstes Argument gegen eine Marktteilung. © Wolfgang Maria Weber/Imago
München – Auf Anweisung der europäischen Aufsichtsbehörde Acer wurde gestern ein Papier veröffentlicht, das Wirtschaft und Politik in Aufregung versetzt. Kern: In Deutschland soll es keinen einheitlichen Strompreis mehr geben, jede Region soll für sich selbst verantwortlich sein. Die Befürchtung: Günstiger Strom im Norden, teurer Strom im Süden.
„Deutschland hat auf dem Papier einen einheitlichen Strommarkt, der aber de facto nicht immer physikalisch stattfindet“, erklärt Bernd Weber, Chef der Denkfabrik Epico. Das bedeutet: „Weil es an Stromleitungen fehlt, kommt der Windstrom vom Norden nicht in den Süden, und der Solarstrom von dort nicht in den Norden.“ Grundsätzlich ist der europäische Strommarkt hocheffizient. Wird Strom gebraucht, steigen die Preise und teure Gaskraftwerke springen an. Liefern Wind und Sonne, sinken die Preise und die Gaskraftwerke verlassen den Markt. In Deutschland funktioniert das aber schlecht, erklärt Weber: „Wenn in Norddeutschland viel Wind weht, sinken die Preise und die Gaskraftwerke in Bayern gehen aus dem Markt, selbst wenn sie gebraucht werden. Gleichzeitig laden sich Pump- und Batteriespeicher auch in Süddeutschland auf.“ Um den Bedarf zu decken, müssen die Netzbetreiber Gaskraftwerke in Bayern hochfahren. Das aber erst nach dem Gebotsprozess an der Strombörse, die Kosten werden in den Netzentgelten versteckt, wo sie jede Steuerungswirkung verlieren. Der sogenannte Redispatch kostete 2024 rund 2,7 Milliarden Euro.
Dazu kommen diplomatische Probleme: „Schweden würde viel lieber nur mit Norddeutschland Strom handeln, weil er dann deutlich günstiger wäre“, so Weber. Zudem: „Weil uns Übertragungsleitungen fehlen, müssen wir Strom oft über das polnische und tschechische Netz schicken. Das freut unsere Nachbarn auch nicht.“
Im Auftrag der Acer wurde nun simuliert, wie das Problem zu beheben sei. Die Antwort: Deutschland müsse bestenfalls in fünf Strompreiszonen aufgeteilt werden, damit der Markt den tatsächlichen Stromflüssen entspricht. Der Strompreis würde dann nur durch den gelieferten Strom beeinflusst, so wie es zwischen den europäischen Staaten üblich ist.
Die große Mehrheit der Ökonomen würde das befürworten, damit es weniger Markteingriffe braucht. Die befürchteten Kostensteigerungen sind gering: Laut dem Bericht „würden die Strompreise in Bayern bei einer Teilung in fünf Zonen um etwa 0,13 Cent pro Kilowattstunde steigen“, erklärt etwa Lion Hirth vom Beratungshaus Neon. „Und da ist noch nicht mal berücksichtigt, dass die Netzentgelte im Gegenzug sinken würden.“ Ein Problem der Studie: Sie schaut nur auf das Jahr 2025. Ab 2027 kommen aber mehrere Gigawatt Übertragsleistung ins deutsche Netz. Bernd Weber spricht sich trotzdem für regionale Strompreise aus: „Wir bauen zwar gerade mehr Übertragungsleitungen, bekommen aber auch mehr Erneuerbare und Stromverbraucher ans Netz. Das Problem geht also nicht weg.“ Eine Strompreiszonenteilung sei eine Lösung. „Es könnten aber regional unterschiedliche Netzentgelte sein, die einen Anreiz setzen.“
Söder: Es bleibt bei einer Preiszone
Die Wirtschaft ist fundamental dagegen: „Die Ersparnis der Zonenteilung wäre extrem gering. Und über die Kosten, die durch die gebremste Energiewende entstünden, wird nicht gesprochen“, erklärt Manfred Gößl, Hauptgeschäftsführer des bayerischen Industriehandelskammertages (BIHK). In der Tat spricht die Studie nur von 339 Millionen Euro Kostenersparnis für 2025. Ein Prozent der gesamten Systemkosten. „Die Beratungen würden monatelang dauern – bis zur Umsetzung sogar Jahre vergehen. In dieser Zeit würden die Investoren auf die Bremse treten“, kritisiert Gößl. „Wir brauchen jetzt Investitionen. Mehr Stromangebot an mehr Stunden im Jahr senkt die Preise für die bayerische Wirtschaft. Dafür brauchen wir nicht nur PV-, sondern vor allem auch Windstrom.“ Auch Norddeutschland hätte Interesse am Export nach Bayern, da die Offshore-Projekte sonst unrentabel wären. Der BIHK-Chef glaubt auch nicht, dass die Industrie sich in Norddeutschland ansiedeln würde, wie einige hoffen. Er verweist auf Schweden, wo es bereits seit Langem mehrere Preiszonen gibt: „In Nordschweden ist der Strom viel günstiger als im Süden. Trotzdem hat die Industrie dort nicht umgesiedelt, einfach weil es auch andere Standortfaktoren gibt.“
Auch aus der Politik kommt scharfer Protest. „Es bleibt bei einer einheitlichen Strompreiszone“, sagte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) unserer Zeitung. Das stehe klar im Koalitionsvertrag. Man werde sich „weiter klar gegen mehrere Strompreiszonen zur Wehr setzen“ und das auch gegen Bedenken der EU-Kommission durchsetzen. Parallel laufe der Ausbau der Netze und aller Formen an Erneuerbaren weiter.
Und wer entscheidet jetzt? Kommt drauf an: „Die Bundesregierung hat jetzt sechs Monate Zeit, gemeinsam mit den betroffenen Nachbarländern einstimmig gegen die Zonenteilung zu stimmen“, erklärt Bernd Weber. „Sollte die Charmeoffensive misslingen, liegt die endgültige Entscheidung bei der EU-Kommission.“