Frankfurt – Noch vor Kurzem herrschte an der Börse blanke Panik: Anfang April stürzte der Dax wegen der Zollankündigungen von US-Präsident Donald Trump von etwa 23 400 auf 19 600 Punkte ab – ein horrendes Minus von über 16 Prozent. Heute, gut einen Monat später, hat er die Verluste schon wieder mehr als aufgeholt. Am Freitagvormittag kletterte der deutsche Leitindex sogar auf einen neuen Rekordstand von 23 519 Punkten. Blenden die Börsen also blind alle Risiken aus?
Glaubt man den Analysten, ist das nicht der Fall – im Gegenteil. Demnach steige der Dax auch deshalb, weil durch das am Donnerstag verkündete Handelsabkommen zwischen Großbritannien und den USA das Risiko eines Zollkrieges wieder gesunken sei, erklärt Jochen Stanzl vom Broker CMC Markets. Dabei gehe es gar nicht so sehr um die Substanz der Vereinbarung, sie sei eher eine Blaupause. „Die Börsen feiern das Abkommen nicht, weil es in allen Details glänzt, sondern weil bereits dieser grobe Rahmen genügen könnte, um die befristete Aussetzung der Gegenzölle dauerhaft beizubehalten“, sagt Stanzl. Solche Deals würden Trump die Chance geben, die Zölle gegen enge Partner am Ende doch zurückzuziehen und trotzdem das Gesicht zu wahren: ein Szenario, auf das viele Investoren hoffen.
Zugleich scheint die deutsche Wirtschaft sich langsam aus der Krise zu arbeiten. So stützten am Donnerstag gute Exporte und Zahlen aus der Industrie die Börsen, sagt Ulrich Kater von der Fondsgesellschaft Deka. Die Börsenprofis erwarten außerdem, dass die riesigen Schuldenpakete für Infrastruktur und Verteidigung der neuen Bundesregierung den Dax-Konzernen gute Geschäfte bescheren: 2025 könnten ihre Gewinne demnach im Schnitt um sechs Prozent steigen, 2026 sogar um 13 Prozent. Auch die niedrigen Ölpreise, die wieder gesunkenen Zinsen und der Fakt, dass die US-Wirtschaft entgegen aller Befürchtungen noch relativ stabil ist, hätten die Börsen beflügelt, schreiben die Analysten der Deutschen Bank. Auch das hat zur schnellen Erholung der Aktienkurse in Deutschland beigetragen.
Diese Erholung gab es übrigens auch auf der anderen Seite des Atlantiks. Jedoch fiel sie dort längst nicht so rasant aus. Der amerikanische S&P 500 notiert derzeit bei rund 18 000 Punkten – zwar etwa zehn Prozent über seinem Tief aus dem April, aber immer noch etwa zehn Prozent unter seinem Hoch vom Jahresanfang. Und während sich deutsche Dax-Investoren in den vergangenen zwölf Monaten über rund 25 Prozent Gewinn freuen konnten, waren mit US-Aktien in Euro gerechnet nur magere vier Prozent drin.
HÖSS