ProSiebenSat.1: Machtkampf vertagt

von Redaktion

Newstime-Studio von ProSiebenSat.1 in Unterföhring: Der Medienkonzern will sich wieder stärker aufs Fernsehgeschäft konzentrieren. © ProSiebenSat.1

München/Unterföhring – Es klang fast wie eine Entschuldigung, was der scheidende Aufsichtsratsvorsitzende von ProSiebenSat.1, Andreas Wiele, am Mittwoch auf seiner letzten Hauptversammlung in die Kamera sagte: „Ich bedauere, dass es mir nicht gelungen ist, den Aktionärskreis dauerhaft zu befrieden“, sagte er.

Übertragen wurde die Hauptversammlung aus einem Fernsehstudio in Unterföhring (Landkreis München), die Aktionäre waren nicht persönlich vor Ort. Vom größten Aktionär hätten die restlichen Anteilseigner aber auch bei einem Treffen in einer großen Halle wenig gehört: Die italienische Media for Europe (MFE) meldete sich am Mittwoch auf der Hauptversammlung nicht zu Wort.

MFE gehört den Erben des früheren italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, die Italiener halten rund 30 Prozent am ProSieben-Konzern und wollen ihren Anteil kräftig ausbauen, um Einfluss auf die Strategie zu nehmen. MFE schwebt ein europäischer Fernsehkonzern vor, insbesondere im Digitalen soll ein Konkurrenzangebot zu Netflix, Amazon und Disney+ entstehen. Im Aufsichtsrat ist MFE inzwischen personell vertreten.

Es gibt noch einen zweiten Großaktionär, der zeigt aber kaum Ambitionen, das operative Geschäft zu beeinflussen. Der tschechische Investor PPF. Hinter PPF stehen die Erben des Milliardärs Petr Kellner. Die Tschechen haben mit 15 Prozent zwar einen kleineren Anteil als die Italiener, PPF will seinen Anteil aber ebenfalls ausbauen, auf rund 30 Prozent. Ein PPF-Vertreter äußerte sich am Mittwoch auf der Hauptversammlung und positionierte PPF öffentlich als Gegengewicht zu den Italienern: Man werde den Aktienanteil erhöhen, nur dann könne PPF „als zweiter starker Aktionär“ im Aufsichtsrat vertreten sein, sagte der Vertreter der Tschechen. PPF glaube an das Potenzial von ProSiebenSat.1. „Wir stimmen mit der von Bert Habets eingeschlagenen Strategie überein.“ Bert Habets, das ist seit 2022 der Chef von ProSiebenSat.1. Seit der ehemalige RTL-Manager den Konzern leitet, gibt es einen Strategiewechsel – auch unter dem Druck der Großaktionäre.

Bislang sah das Geschäftsmodell so aus: Auf der einen Seite das traditionelle Fernsehgeschäft mit den hauseigenen Fernsehkanälen, auf der anderen Seite unzählige Unternehmensbeteiligungen. Dazu zählte etwa die Online-Parfümerie Flaconi, das Dating-Geschäft rund um Parship oder das Vergleichsportal Verivox – um nur drei Unternehmen des komplexen Beteiligungsgeflechts zu nennen.

Die Idee: Die Firmen werden in den hauseigenen Fernsehsender beworben, damit bauen die Firmen ihre Marktposition aus, ein Teil der Gewinne fliest zurück nach Unterföhring, oder der ProSieben-Konzern profitiert im Fall eines Verkaufs von der Wertsteigerung der Firmen.

Über Jahre wurde das Beteiligungs-Portfolio aufgebläht, unter Bert Habets hat sich das geändert. Verivox hat ProSiebenSat.1 vor Kurzem verkauft, unter dem Druck einer hohen Verschuldung braucht der Konzern dringend Geld. Das Dating-Geschäft um Parship sowie Flaconi könnten ebenfalls verkauft werden, Streit gibt es unter den beiden Großaktionären über das Tempo: Die Italiener pochen auf einen schnellen Verkauf um endlich einen reinen Fernsehkonzern mit geringer Schuldenlast zu haben, die Tschechen haben es nicht eilig, sie hoffen auf bessere Preise beim Verkauf der Firmen.

Die Grundrichtung ist dabei unstrittig: „Wir konzentrieren uns voll und ganz auf Entertainment“, bekräftigte ProSieben-Chef Bert Habets am Mittwoch. Mit Entertainment meint er vor allem das werbefinanzierte Fernsehgeschäft und die Streaming-Plattform Joyn, die kräftig ausgebaut werden soll. Gleichzeitig will Habets Kosten sparen – auch unter dem Eindruck wegfallender Werbeerlöse. 430 Arbeitsplätze sollen über ein Freiwilligenprogramm abgebaut werden.

Daniela Bergdolt, die auf der Hauptversammlung als Vertreterin der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) etliche Kleinaktionäre vertrat, sieht Licht und Schatten: Die Kursentwicklung der Aktie sei ein „Trauerspiel“, bemängelte sie, die Monetarisierung von Joyn hinke hinterher, die Werbeeinnahmen stagnierten.

Ein Lichtblick sei die Dividende in Höhe von fünf Cent je Aktie, wenn auch ein kleiner. Heftige Kritik übte Bergdolt am Machtkampf der beiden Großaktionäre: „Streitereien unter Großaktionären um die strategische Ausrichtung haben immer einen Verlierer, das ist das Unternehmen.“

Immerhin: Zu einer Eskalation zwischen den beiden Großaktionären kam es auf der Hauptversammlung nicht. Die meisten Anträge erhielten eine breite Zustimmung, der große Eklat blieb aus. Durchgefallen ist ein Antrag, der dem Vorstand ermöglicht hätte, neue Aktien auszugeben. Einigkeit herrschte dagegen bei der Besetzung des Chefpostens im Aufsichtsrat: Die Medienmanagerin Maria Kyriacou – sie war unter anderem bei Paramount und Disney tätig – wurde mit den erforderlichen Stimmen gewählt.

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