INTERVIEW

„Viele Start-ups holen sich US-Kapital“

von Redaktion

Experte über die Pläne der Bundesregierung für junge Firmen

Richtig abheben: Das wollen alle Start-ups, auch der Raketenhersteller Isar Aerospace. Oft fehlt ihnen dazu aber Kapital – das sich manche Firmen dann in Übersee holen. © Isar Aerospace

München – München gilt als Start-up-Hauptstadt Deutschlands, vielleicht sogar Europas. Kein Wunder also, dass Carsten Rudolph weit über den Freistaat hinaus eine Instanz in der Szene ist. Als Leiter des vom Wirtschaftsministerium unterstützten Netzwerks BayStartup hat er heute milliardenschweren Firmen wie Flixbus, Celonis, Airup oder EGym auf die Beine geholfen. Außerdem ist er seit März im Vorstand von Business Angels Deutschland. Im Verein sind private Geldgeber und Netzwerke versammelt, die jungen Unternehmen die ersten Schritte finanzieren. Doch was hält Rudolph von den Plänen der neuen Bundesregierung zur Unterstützung von Start-ups?

Herr Rudolph, die deutsche Wirtschaft krankt an Altersschwäche. Der jüngste Dax-Konzern ist 53 Jahre alt, nämlich SAP. Kommt da nichts Neues nach?

Was Forschung und Start-ups betrifft, ist Deutschland eigentlich sehr gut aufgestellt. Die Szene ist hier erst seit etwa 25 Jahren konsequent im Aufbau. Da kann man es nicht erwarten, dass die jungen Firmen es in der kurzen Zeit gleich in den Dax schaffen. Es gibt ein paar deutsche Start-ups, die sehr groß geworden sind, aber keine Börsennotierung haben – viele davon übrigens aus München: der Fernbusanbieter Flixbus zum Beispiel oder die Softwarefirma Celonis.

Trotzdem: US-Firmen wie Google, Meta oder Nvidia sind um das Jahr 2000 gegründet und heute die größten der Welt. Wieso klappt das bei uns nicht?

Bei Start-ups sind uns die USA Jahrzehnte voraus. Seit den 1950ern überlegt man dort, wie man junge Firmen schnell groß bekommt. Das hat sich bei der Gründung der Techkonzerne um die Jahrtausendwende ausgezahlt, die heute Giganten sind. Dafür fehlt den USA der Mittelstand, den die deutsche Wirtschaft so stark macht. Es muss ja nicht immer gleich das nächste Google sein. Und es müssen auch nicht immer sogenannte Einhörner sein, also Start-ups mit mehr als einer Milliarde an Wert.

Sondern?

Deutschland hat viele Hidden Champions, die mit 100 oder 200 Millionen Euro Umsatz Weltmarktführer in ihrer Nische sind. Das prägt auch die Start-up-Landschaft. Start-ups in der Medizintechnik, im Maschinenbau oder in der Kreislaufwirtschaft streben eher eine Zukunft als Hidden Champion an. Dennoch haben wir in Bayern auch ein paar junge Firmen mit sehr ambitionierten Wachstumsplänen: etwa den Raketenbauer Isar Aerospace oder den Drohnenhersteller Quantum Systems als jüngstes deutsches Unicorn in der Luft- und Raumfahrt. Doch egal ob künftiger Mittelständler oder erhofftes Milliardenwachstum: Wir brauchen mehr Kapital und einfachere Regeln, damit mehr junge Firmen den Durchbruch schaffen.

Die Politik scheint das erkannt zu haben. Im Koalitionsvertrag heißt es, Start-ups seien die nächsten Hidden Champions.

Die Politik hat schon länger das Ziel, junge Firmen mehr zu fördern, um die deutsche Wirtschaft weiterzuentwickeln. Dazu wurde im Herbst 2024 die WIN-Initiative geboren. Sie ist ein gemeinsames Vorhaben von Bundesregierung, der KfW und privater Investoren, in deren Rahmen bis 2030 rund zwölf Milliarden Euro in das deutsche Venture-Capital-Ökosystem investiert werden sollen. Durch den Regierungswechsel wurde das Vorhaben aber massiv gebremst.

Schwarz-rot will den Fonds von zwölf auf 25 Milliarden aufstocken und hat zusätzlich einen zehn Milliarden großen Deutschlandfonds versprochen, der mit privatem Geld auf 100 Milliarden aufgeblasen werden soll. Der richtige Weg?

Viel Geld ist gut! Bisher sind das alles aber nur Ankündigungen, Geld ist noch keines geflossen. Und: Der Staat hilft jetzt schon als Geldgeber. Bayern Kapital als VC-Gesellschaft des Freistaats ist zum Beispiel an vielen tollen Firmen wie Isar Aerospace, dem Fitnessunternehmen EGym, dem Elektromotorhersteller Deep Drive oder der Fusionsreaktor-Firma Marvel Fusion beteiligt. Die Frage ist eher: Woher kommen die privaten 90 Milliarden? In den USA sind große Pensionsfonds Hauptgeldgeber für Start-ups, in unserem Rentensystem fehlt Vergleichbares in dieser Dimension. Und große Kapitalsammelstellen wie Versicherer haben einige Hürden, wenn sie in Start-ups investieren wollen. Wissen Sie, was die Folge ist?

Was?

Für Finanzierungsrunden ab 100 Millionen oder 200 Millionen holen sich deutsche Start-ups häufig US-Investoren an Bord. Das ist aus der Startup Perspektive auch oft sehr nützlich: Viele von ihnen wollen bisher am liebsten zügig in den riesigen US-Markt expandieren, da können lokale Investoren schon helfen. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist das für Europa aber problematisch. Dies betrifft neben den Renditen, die ebenfalls oft in Amerika landen, auch die angestrebte Technologie-Souveränität bei den wichtigen Themen Rüstung, Raumfahrt, Software oder Künstliche Intelligenz.

Was muss die Politik jetzt tun?

In Deutschland müssen die in der Frühphase wichtigen Investitionen in Start-ups steuerlich und regulatorisch besser gestellt werden, im EU-Vergleich sind wir da weit hinterher. Außerdem müssen die Regeln für professionelle Anleger so geändert werden, dass etwa Versicherer mehr Geld in VC-Fonds investieren können. Auch auf EU-Ebene gibt es viel zu tun.

Was denn genau?

Ziel muss sein, dass Start-ups reibungsfrei europaweit starten können und sich nicht Schritt für Schritt die EU erobern müssen – mit speziellen Regeln in jedem Land für Unternehmensgründungen, Steuern und Arbeitsrecht. Damit wäre es einfacher für sie, erst einmal in der EU zu wachsen, bevor sie den Schritt nach Übersee gehen. Gleichzeitig braucht es einen einheitlichen europäischen Kapitalmarkt. Noch gönnt sich fast jedes EU-Land eine eigene Börse, weshalb hier weniger Kapital in die Aktien fließt. Das macht eine Notierung wenig attraktiv. Einige dieser Dinge stehen so in der Start-up-Strategie der EU, die letzte Woche vorgestellt wurde und die jetzt schnell umgesetzt werden muss. Gut ist, dass es in der EU jetzt mit der Start-up-Kommissarin eine Ansprechpartnerin gibt.

Apropos Ansprechpartner: An wen können Sie sich in der Bundesregierung eigentlich wenden?

Gute Frage. Bisher war es das Wirtschaftsministerium, aber im Moment ist noch viel im Fluss. Ich hoffe nur, dass das Thema Start-ups nicht von verschiedenen Ministerien gleichzeitig besetzt wird – und sich am Ende trotzdem niemand so richtig verantwortlich fühlt.

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