Abschied von der Glitzer-Baywa

von Redaktion

Ex-Baywa-Chef Klaus Josef Lutz beim 100. Geburtstag des Agrarkonzerns. Heute ist Lutz Präsident der IHK für München und Oberbayern. © Gisela Schober

München – Als die Baywa im Februar 2023 ihren 100. Geburtstag feierte, war Glamour und Glitzer angesagt. 1000 Gäste schlemmten in der Isarphilharmonie, lauschten Sarah Connor und hörten ein eigens für den Abend komponiertes Stück der Philharmoniker. Die geballte Prominenz des Freistaats war versammelt: Ministerpräsident Markus Söder, der seinen Stolz auf die Baywa ausdrückte, Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger, der sie als „zweitwichtigste Institution auf dem Land neben der katholischen Kirche“ bezeichnete oder Uli Hoeneß, dessen Bayern-Basketballer es mit der Baywa als Sponsor gerade in die Europaliga geschafft hatten. Man habe „mit dem Geld, mit dem unsere Vorväter erfolgreich gearbeitet“ und die Baywa zum Weltkonzern aufgebaut, sagte der langjährige Baywa-Chef Klaus Josef Lutz damals. Satte 27 Milliarden Euro machte der Agrarriese da Jahresumsatz.

Diese Glanz- und Glitzertage der Baywa: Sie sind vorbei. Kurz nach Lutz‘ Abgang als Baywa-Chef schrammte der Traditionskonzern 2024 haarscharf an der Pleite vorbei. Weil Banken ihm den Hahn abdrehten, wurde eine Sanierung fällig. Am Freitag segnete das Amtsgericht München nun einen wichtigen Schritt ab: Im Rahmen der Sanierung darf die Baywa bei Aktionären eine Kapitalerhöhung um 200 Millionen Euro durchsetzen und die Kredite der Gläubiger bis Ende 2028 strecken – auch gegen den Widerstand Einzelner. Jetzt ist der Geldbedarf des Unternehmens für die kommenden drei Jahre gesichert.

Vier Milliarden Schulden müssen weg

Diese Zeit muss der Konzern nutzen, um lebensfähig zu werden. Einen Plan dafür haben die Berater von Roland Berger längst erarbeitet. Er wird seit Herbst vom Sanierer Michael Baur umgesetzt, der von den Banken an Bord geholt wurde und nun das Ruder in der Hand hält – oder besser gesagt die Axt. Denn: Eine Hauptaufgabe Baurs ist es, die durch die Expansion unter Lutz angehäuften Schulden abzubauen. 7,6 Milliarden Euro sollen es laut Sanierungsgutachten sein, mindestens vier Milliarden müssen weg. Das ist nur mit einem Verkauf der Unternehmensteile zu machen, die Lutz einst zugekauft hatte, um die Baywa global aufzustellen.

Dabei handelt es sich vor allem um die Erneuerbare-Energien-Tochter Baywa r.e., die laut Sanierungsgutachten 1,8 Milliarden einbringen soll, den 2011 erworbenen Obsthändler Turners and Growers aus Neuseeland, der 140 Millionen wert sein soll, und den Spezialitätenhändler Cefterea, für den die Baywa rund 200 Millionen Euro will. Doch insgesamt dürften die Erleichterungen weit höher als die Verkaufserlöse sein, da mit den Verkäufen auch Darlehen und Verbindlichkeiten wegfallen, die bisher schwer auf der Konzernbilanz lasten. So wurde jüngst die Beteiligung an der Raiffeisen Ware Austria für 176 Millionen veräußert, die Schuldenlast des Konzerns reduzierte sich dadurch um eine halbe Milliarde. Bei Cefterea könnte es noch mehr sein und die Baywa r.e. steht sogar für fast zwei Milliarden der Konzernschulden.

Das Ziel: Die Rückkehr in die Gewinnzone

Die Baywa ist optimistisch, dass sich genug Käufer finden. Dass in der Lutz-Ära ohne Blick auf Synergien eingekauft wurde, habe mit zur Krise geführt, seit jetzt aber ein Vorteil, heißt es. Nun könne man einzelne Teile relativ problemlos wieder herauslösen und so die damalige Expansion rückabwickeln. Um Cefterea sollen laut Medienberichten ein Hedgefonds und ein Konkurrent buhlen, hier könnte bald Vollzug gemeldet werden. Auch an Turners und Growers soll es Interessente geben. Und die Baywa r.e. wäre vor Kurzem beinahe an Energy Infrastructure Partners gegangen, die bereits die Mehrheit an der Gesellschaft besitzen. Die Schweizer machten allerdings in letzter Minute einen Rückzieher. Nun wird die Baywa-Tochter aufgehübscht und bis spätestens 2028 an den Mann gebracht.

Die Folge der Abspaltungen: Am Ende sollen nur noch die Kernbereiche Agrar, Landwirtschaftstechnik und Bau übrig bleiben, das einstige Kerngeschäft. Der Umsatz von früher 27 Milliarden soll sich dann etwa dritteln. Bisher hat die Baywa weltweit rund 25 000 Beschäftigte, von denen nur ein Teil an Bord bleiben dürfte. Von den 8000 Mitarbeitern der AG in Deutschland sind bereits 700 abgebaut, mindestens 500 weitere müssen gehen. Insgesamt sollen die Personalkosten bis 2028 um 600 Millionen Euro auf eine Milliarde Euro sinken. Dafür soll das heute stark defizitäre Unternehmen dann eine halbe Milliarde Euro Gewinn pro Jahr erwirtschaften.

Mehr Professionalität in der Baywa nötig

Damit der Plan aufgeht, ist mehr als nur Rosskur und Ausverkauf nötig. Lutz habe den Laden „wie ein Sonnenkönig“ geführt, heißt es immer wieder. Die Folge: Viele Ja-Sager im mittleren Management und kaum Kontrolle, was auch die Sanierer zu stören scheint. Man müsse die Finanzplanung in den Griff bekommen, heißt es dort. Anfangs hätten sogar wichtige Finanzdaten des Konzerns gefehlt, weshalb Ex-Finanzchef Andreas Helber bereits seinen Hut nehmen musste. Außerdem verweist das Sanierungsgutachten auf „Verbesserungspotenzial bei der Zusammensetzung des Aufsichtsrats“. Zu den Altlasten könnte die CSU-Politikerin Monika Hohlmeier gehören. An der Spritze des Aufsichtsrats sitzt dagegen seit etwa einem Jahr mit Gregor Scheller ein im Haus anerkannter Genossenschaftler, der seine Kontrollfunktion ernst nehme. Bei der Baywa war das nicht immer selbstverständlich.

Bleibt der im März angeheuerte neue Konzernchef Frank Hiller, der bisher eher im Windschatten von Sanierungschef Baur agiert. Während sein Vorgänger Lutz aufbrausend und laut war, ist Hiller besonnen und ruhig. Anders als der Jurist Lutz bringt er Erfahrung vom Stall- und Fütterungsanlagenhersteller Big Dutchman mit, war schon Chef beim Traktoren- und Motorenbauer Deutz, hat Maschinenbau studiert und bei MAN gearbeitet. Und während Lutz immer auf der großen Bühne mitmischen wollte und nie um verbale Ohrfeigen zur Tagespolitik verlegen war, hat Hiller als erste Amtshandlung die lange vernachlässigten Baywa-Filialen vor Ort besucht, sich das Sortiment dort angeschaut, Bestellprozesse und Lagerhaltung hinterfragt. Wirklich aufregend ist das nicht. Aber vielleicht genau das, was die Baywa jetzt braucht.

Artikel 9 von 11